Der Streit zwischen Ost und West um den Status von Berlin geht weiter. Genährt wurde er durch den Besuch Bundesaußenminister Genschers, der am vorigen Donnerstag den amerikanischen Außenminister Kissinger bei seinem Abstecher in die Vier-Sektoren-Stadt begleitet hatte.

Henry Kissinger vor dem Berliner Abgeordnetenhaus: „Die Stadt ist der härteste Test für das Zeitalter, in das wir nunmehr einzutreten hoffen ... Die Sicherheit Westberlins bleibt ein lebenswichtiges Interesse der Vereinigten Staaten... Mein Besuch findet in einem Augenblick statt, in dem sich diese Stadt größerer Sicherheit erfreut als zu irgendeinem Zeitpunkt während der letzten dreißig Jahre.

Angesichts der komplexen Geschichte dieser Frage können wir nicht erwarten, daß das Viermächteabkommen Tag für Tag reibungslos funktioniert... Wir werden Herausforderungen entgegentreten – mit derselben Entschlossenheit, uns Pressionen zu widersetzen, und in dem gleichen Geist der Verhandlungsbereitschaft, der dieses Abkommen hervorgebracht hat. Nur wenn Berlin hervorwird auch die Détente gedeihen; nur wenn Sie sicher sind, wird Europa sicher sein.“

Der Berliner Sowjetbotschafter Pjotr Abrassimow zum Besuch Genschers: „Dies ist eine ernste Verletzung des vierseitigen Abkommens vom 3. September 1971... Rechtswidrige Schritte, die dazu bestimmt sind, die angebliche Zugehörigkeit Westberlins zur Bundesrepublik Deutschland zu demonstrieren, und zu eigennützigen Zwecken unternommen werden, müssen als der Entspannung und der Sicherheit nicht dienlich gewertet werden.“

Gennadi Sidorow in Radio Moskau zu einer Erklärung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz: „In seiner Fernsehrede versucht er, die Fiktion eines besonderen territorialen Gebildes, nämlich von ganz Berlin, zu erwecken, das sich unter vielseitigem Status befindet. Dieses Gebilde gehört, seinen Worten zufolge, weder zum Territorium der DDR noch zum Territorium der BRD, und seine Souveränität ist dadurch bestimmt, daß die oberste Macht von den vier Mächten ausgeübt wird ... Berlin ist nun – schön bald 26 Jahre die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, während sich Westberlin nach wie Vor unter der Besetzung der USA, Großbritanniens und Frankreichs befindet, wodurch seine Souveränität, und hierin hat Herr Schütz recht, begrenzt ist... Es ist höchste Zeit, die Welt so zu betrachten, wie sie ist.

Klaus Schütz: „Ich spreche so hartnäckig vom Viermächtestatus von ganz Berlin, weil dies so in der Präambel des Viermächteabkommens festgestellt ist.“

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher: „Das Viermächteabkommen steht Besuchen von Bundesministern in Westberlin nicht entgegen, es läßt sie zu. Es wird solche Besuche deshalb auch in Zukunft geben.