In der schwedischen Öffentlichkeit gibt es trotz oder gerade wegen des Terroranschlags auf die Botschaft der Bundesrepublik Sympathien für die Leute um Baader und Meinhof. Dahinter stecken ein Zerrbild und ein Wunschtraum von den politisch-gesellschaftlichen Zuständen in unserm Lande.

Gewiß, alle Politiker in Schweden haben den Gewaltakt in der deutschen Botschaft verurteilt; einige bezeichneten die linken Täter sogar als Faschisten, die außerhalb jeder politischen Gruppierung stünden. In der Bevölkerung, die trotz mehrjähriger Erfahrungen mit palästinensischen, kroatischen und japanischen Terroristen äußerst erschrocken war, hört man aber auch die Frage: „Wie muß es mit der Gesellschaft in Deutschland bestellt sein, daß sie die Auswüchse hervorbringt?“

Drei Tage nach der Besetzung der deutschen Botschaft bekamen die Leser der einst liberalen, inzwischen nach links abgerutschten Tageszeitung Dagens Nyheter, die bei einer Auflage von weit über 400 000 Exemplaren in einem Acht-Millionen-Land großen Einfluß hat, eine typische Antwort verabreicht: In der Meinungsecke der Kulturseite verkündete der Juraprofessor Göran Elwin aus Uppsala, wie er sich den Anschlag erklärt: In’den westdeutschen Staat sei wie in die anderen krisengezeichneten kapitalistischen Staaten die Gewalt in das System eingebaut. Diese strukturelle Gewalt der Gesellschaft erzeuge Aggressionen. und rufe ihrerseits politische Gewalttaten hervor. Am Anfang stehe also die repressive Gewalt; darauf antworte die politische Gewalt.

Viele Intellektuelle, vor allem Schriftsteller, stimmen mit Elwin überein. Die „strukturelle Gewalt“ ist seitdem als einprägsames Schlagwort in Gesprächen oft aufgetaucht. In einem Interview mit Heinrich Böll für Sveriges Radio über sein letztes Buch („Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“) wollte der schwedische Partner auch der strukturellen Gewalt Westdeutschlands die Schuld am gewalttätigen Untergang der Hauptperson geber; Böll verneinte aber.

Auf den Artikel Elwins antwortete an derselben Stelle der westdeutsche Kulturattaché Anno Elfgen, eine der Geiseln, die stundenlang gefesse.t am Boden gelegen hatten und nach der Sprengung um ein Haar bei lebendigen Leibe verbrannt wären. Er warf den schwedischen Intellektuellen vor, daß sie sich nicht der Mühe unterziehen, einmal die westdeutsche Bevölkerung nach ihrer Meinung zu den Terroranschlägen zu befragen.

An der öffentlichen Diskussion, die sich danach entspann, beteiligte sich das konservative Svenska Dagdbladet und die sozialdemokratische Artetet. Beide stellten klar, daß das scharfe Vorgehen der deutschen Polizei Reaktion auf Terror sei,’ nicht umgekehrt. Nur in einem freien, offenen Staat, wie der Bundesrepublik könne sich eine Gruppe wie die um Baader und Meinhof organisieren und Gewalttaten begehen. In einem Polizeistaat, einer Diktatur, wo jedereinzelne dauernd überwacht wird, könnten solche Terroristen nicht groß werden

Das schwedische Fernsehen lud den vom Gerichtsverfahren ausgeschlossenen Verteidiger Baaders, Rechtsanwalt Hans-Christian Ströbele, zu einem Interview nach Stockholm, wo er vor dem Hintergrund des lädierten Botschaftsgebäudes dem Publikum erzählen sollte, was denn seinen Mandanten und dessen Gesinnungsgenossen umtreibe. Ströbeles Antwort: Sie wollten den.Unterdrückten der Dritten Welt helfen – ein Motiv, das man in Schweden, wo man sich allen Befreiungsbewegungen verbunden fühlt, besonders gern vernimm:.

Im Gegensatz zum Fernsehen hielt“ es Dagens Nyheter nicht für nötig, Ströbeles Antworten zu relativieren. Ein paar Tage später war in dem Blatt zu lesen, eine Stellungnahme gegen die „Rote Armee Fraktion“ sei politisch unklug, wenn sie bedeutete, daß man sich damit gleichzeitig auf die Seite der westdeutschen Behörden stelle und die Behandlung der Häftlinge und Verteidiger billige.

Professor Elwin steht mit seiner Auffassung, daß die zum Baader-Meinhof-Prozeß verabschiedeten Gesetzesänderungen den westdeutschen Rechtsstaat angenagt hätten, nicht allein. Allerdings gibt es Unterschiede in der Begründung. Schon gegen die „Isolierungsfolter der politischen Gefangenen“ hatten im Dezember 1969 Literaten mit einer Petition an die westdeutsche Botschaft protestiert.

Die öffentlichen Sympathiekundgebungen von Journalisten und Intellektuellen für die deutschen Stadtguerillas gipfelten in dem Manifest eines freien Journalisten und Studenten der Filmakademie, das in Dagens Nyheter gedruckt wurde. Um „begriffliche Klarheit“ zu schaffen, wurde da in aller Ausführlichkeit, als hätten Baader ‚oder Meinhof selber das Manuskript verfaßt, über deren Ziele und Aktionen unterrichtet, bei denen der Zweck alle Mittel heiligt.

Hinter.solcher Blindheit gegenüber der Gewalt verbirgt sich bei vielen die Enttäuschung über die „resultatlos“ verlaufenen Studentenunruhen Ende der sechziger Jahre in der Bundesrepublik. Manchen schwedischen intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern hatte die Pariser Studentenrevolte vom Mai 1968 viel bedeutet. Ein paar Jahre lang, hingen sie ihrem Traum von einer Veränderung auch in Schweden nach. Aus dieser Zeit stammen die Sympathien für die deutschen radikalen Studenten.

Elke Lehmann-Brauns