DIE ZEIT

Feldgottesdienst oder Vergatterung?

Feldgottesdienste haben den guten Sinn, den eigenen Leuten Mut zu machen, dem Gegner aber Geschlossenheit und Entschlossenheit vorzuführen.

Portugal an der Wegscheide

Dreizehn Monate nach dem Putsch, vier Wochen nach den Wahlen, steht Portugal heute an einer Weggabelung. Die neuen Herren des Landes müssen zwischen drei Richtungen wählen.

Leiden am Recht

Als vor Jahr und Tag die Strafgesetzvorschriften über Täterschaft und Teilnahme neu gefaßt wurden, stellte sich hinterher heraus, daß die Referenten im Justizministerium mit einer mißglückten Formulierung ungewollt NS-Verbrecher begünstigt hatten.

Zeitspiegel

In der gleichgeschalteten Tschechoslowakei ist die Stimme der Stummen wieder stärker zu hören. In seinem jüngsten Brief an das Prager Parlament warf der ehemalige Parteichef Alexander Dubček dem Husak-Regime "Machtmißbrauch, Mißachtung sozialistischer Prinzipien und Verletzung der Menschenrechte" vor.

Worte der Woche

"Das eigenartige an Sozialisten ist doch, daß sie ihre Lehren aus der Vergangenheit ziehen, in der Gegenwart versagen, für die Zukunft goldene Berge versprechen, das Endziel im dunkeln lassen und den nächsten Schritt abstreiten.

Die Feuer für den Brand sind geschürt

Die Häuserwände in Luanda, die über und über mit den kleinen bunten Plakaten des Jonas Savimbi beklebt sind, auf denen er sich als Mittler und Versöhner seinem Volk anbietet, sind mit pockennarbigen Kugeleinschlägen übersät.

Ein Präsident, der sich nicht auf das Podest stellt

Eine solche Szene hat das Weiße Haus seit langem nicht mehr erlebt: strahlende Gesichter im ovalen Chefzimmer, der Präsident reißt jubilierend die Arme hoch, seine eng-, sten Mitarbeiter stoßen Begeisterungsrufe aus.

Nach Euphorie und Enttäuschungen

In Polen wird wie in der Bundesrepublik in der letzten Zeit ziemlich viel über unser gegenseitiges Verhältnis geschrieben. Es überwiegt dabei die verständliche Tendenz, sich auf die bestehenden.

Ein Vorschlag zur Güte

Wenn wir in den letzten Wochen mehr widerstrebend als mit Scham zur Kenntnis genommen haben, wie das Ausland sich an das Ende der faschistischen Mordepoche erinnerte, so sollten wir auch nicht die Gesten der Versöhnung einstiger Gegner übersehen.

Einigung mit Polen?

Beide Seiten wollen eine Übereinkunft, aber bisher wissen weder Bonn noch Warschau, wie sie gemeinsam ans Ziel kommen können.

Moskau rüttelt wieder

Die in Moskau und Ost-Berlin geschürte Kampagne gegen den Vier-Mächte-Status von Berlin, und gegen die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik geht weiter! Nachdem die Sowjetunion gerade erst in einer Notiz an UN-Generalsekretär Waldheim die Vier-Mächte-Zuständigkeit für Ost-Berlin heftig bestritten hatte, meldete sich jetzt der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Pjotr Abrassimow, offiziell zu Wort: Er sprach von einer "ernsten Verletzung des Berlin-Abkommens", weil Außenminister Genscher seinen Kollegen Kissinger zu einer Stippvisite nach West-Berlin begleitete.

Schattenboxen ums Prestige

Ein wahres Kunstwerk haben CDU und CSU aus ihren Beziehungen gemacht: sehr dramatisch, zum Teil geheimnisvoll, genaue Beobachtung erfordernd.

Mit Koran und Kapital auf neuem Kurs

Freitagnachmittags, wenn der Muezzin über die Straßen der geschäftigen Hafenstadt Dschidda zu einer der fünf täglichen Pflichtgebete aufruft, kann es auch geschehen, daß eine Exekution angekündigt wird.

Deutschlandspiegel – auf schwedisch

In der schwedischen Öffentlichkeit gibt es trotz oder gerade wegen des Terroranschlags auf die Botschaft der Bundesrepublik Sympathien für die Leute um Baader und Meinhof.

Darf Genscher nach Berlin?

Der Streit zwischen Ost und West um den Status von Berlin geht weiter. Genährt wurde er durch den Besuch Bundesaußenminister Genschers, der am vorigen Donnerstag den amerikanischen Außenminister Kissinger bei seinem Abstecher in die Vier-Sektoren-Stadt begleitet hatte.

Vatikan sucht Abkommen mit der DDR

Falls der Papst das "Neueste" noch nicht wußte, von Bernhard Vogel, dem Präsidenten des Zentralkomitees Deutscher Katholiken, ist er seit kurzem belehrt: Die Kommunisten haben es "langfristig auf Beseitigung der Religion abgesehen" – weswegen der Vatikan "Ziele und Wege" seiner Ostpolitik überprüfen müsse.

Rezept wider die Langeweile

Aus der Not vieler schlechter Redner die Tugend der spannenden Debatte zu machen – es ist seit Gründung der Bundesrepublik ein immerwährendes Reformprogramm.

Leiser Sieg in Laos

Der Krieg war noch nicht zu Ende. Noch lieferten sich Soldaten der königlichlaotischen Regierung, thailändische Expeditionstruppen, von der CIA aufgerüstete Meo-Söldner auf der einen und kommunistische Pathet-Lao-Einheiten sowie Nordvietnamesen auf der anderen Seite blutige Gefechte.

"Noch ist manches faul bei uns"

Der Mann im Rollstuhl ist nicht verbittert. Er äußert keine Rachegefühle. "Wissen Sie", sagt Theo Mauser (34), "ich will kein Mitleid, kein Herumstochern in einer Geschichte, die jetzt ausgestanden ist.

FDP-Fraktion tagt im Zelt: Kieler Kleinkram und steifer Wind

Die Liberalen tagten im Freien. Weil, den fünf frisch ins schleswig-holsteinische Landesparlament eingezogenen Freien Demokraten noch immer nicht "ein Mindestmaß an Arbeitsmöglichkeit" (Frakrionschef Ronneburgsr) eingeräumt worden sei, schlugen sie ein blaugelbes Zelt für eine Fraktionssitzung unmittelbar vor dem Landeshaus an der Kieler Förde auf.

Athlet und Virtuose

Neben der Fabelzeit von 3:51 Minuten von Filbert Bayi aus Tansania im Lauf über eine Meile (1608 Meter), machte vor allem der Hammerwurf-Weltrekord von Karl-Hans Riehm mit 78,50 m Schlagzeilen.

Sport nur in den Pausen

Die Szene hätte einem miserablen Agentenfilm entstammen können: Im Korridor der Kongreßhalle hantiert ein Unbekannter an einem Funkgerät, peilt die Frequenz der Übersetzungsanlage an und wird Ohrenzeuge von Geheimverhandlungen der Obersten Internationalen Sportbehörde.

,,Verkrustete der Basis"

Der sporadische Streik der Müllmänner im Frühjahr 1974, der harte Kampf des Gewerkschaftsführers Heinz Kluncker um die Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst hat nach Ansicht vieler Beobachter entscheidend dazu beigetragen, daß Willy Brandt vor gut einem Jahr als Bundeskanzler resignierte.

Faust, Vogel, Koffer, Kirche

Ein leerer, achteckiger Kirchenraum, grauer Steinfußboden, graue Wände – Schmuck und Statuen hat man hinausgeräumt. Es ist früher Abend, ziemlich kalt schon, durch die Fenster der Kuppel fällt das letzte Tageslicht herein.

Zeitmosaik

Allerorten mauschelt, kungelt und buhlt die Kinoindustrie um Filmpreise oder -prämien, um die Ergebnisse dann als esoterisch, publikumsfremd und kinofeindlich abzutun – in diesem Sinn wird zur Zeit in der Fachpresse der Deutsche Filmpreis kommentiert.

Filmtips

"Diebe wie wir" von Robert Altman. Ein Räuber-Trio hebt Banken aus im Mississippi-Gebiet, und einer hat eine Liebesgeschichte mit einem potthäßlichen, pausenlos Zigaretten und Cola konsumierenden Landmädchen, das am Ende als einzige überlebt.

Muff in ihren Köpfen

Die untergehende Sonne liegt warm über der weiten Oberrheinebene, spielt um die Wipfel des Pfälzer Waldes und taucht die Ruine des Hambacher Schlosses in goldenes Licht.

Kunstkalender

Die Krise im Handel mit moderner Kunst sei nur herbeigeredet, meint man im Hamburger Auktionshaus, und sie gälte allenfalls für Objekte mittlerer Qualität.

Die neue Schallplatte

Igor Strawinsky: "Le Sacre da Printemps". Der Verfasser des Hüllentextes teilt eine hübsche Anekdote mit. Arnold Schönberg soll, 1925, auf die polemische Bemerkung Strawinskys, die neue Zwölftontechnik führe nur in eine Sackgasse, geantwortet haben: "Es gibt keine sackere Gasse als das Sacre!" Das aber ist eigentlich auch schon das Neue an dieser Platte.

Der Krieg ist nicht vorbei

Es gibt ein neues Buch des Schweizer Schriftstellers Paul Nizon, in dem die Titelfigur, ein junger Mensch namens Stolz, den Kriegserzählungen.

Prinzip Collage als Form der Skepsis

Die Beschäftigung mit der Kunst des 20. Jahrhunderts hat seit geraumer Zeit den apologetischen Eifer hinter sich gelassen, und auch die weitgespannten entwicklungsgeschichtlichen Überblicke sind selten geworden.

Die horizontale Größe

Unter den Wolken von Paris entdeckt man an einer Hauswand ein kleines himmelblaues Plakat mit großen weißen Buchstaben: "Au-dessus des nuages marche la minuit.

Verdammt teure Stunde

Es gab eine Episode von sechs oder sieben Minuten, die den Wucher der Woche für ein paar Augenblicke vergessen ließ. Sie ereignete sich etwa zur Halbzeit des Konzerts, das Frank Sinatra am vorigen Freitag, in München gab, des ersten von zwei Auftritten in der Bundesrepublik (den dritten, in Berlin, hat der Sänger morgens erst abgesagt, aus Furcht vor "Drohungen aus der Unterwelt", aus Zorn über einen, wie er sagte, "hemmungslosen Diffamierungsfeldzug", der "in deutschen Medien.

Kabarett brutal

Er war ein Schandmaul von dämonischer Vitalität, ein bissiger Moralist von unberechenbarem Zynismus: Lenny Bruce wurde von einem mäßig lustigen, etwas dürftigen Entertainer und Imitator zur bejubelten Intellektuellen-Mode und dann, nach seinem Drogentod 1966, zur Legende vom mißverstandenen Genie, vom frühen Rebellen gegen das repressiv-puritanische Establishment Amerikas.

Plädoyer für ein Bücher-Forum

Wolfgang Leonhard vor der Kaffeetafel im Grünen; der rauchende Raddatz; Frau Struck in einer kahlen Allee, Max von der Grün auf einer Baustelle über Mordfälle in; Maurergewerbe parlierend; Cartoonisten in der Pop-Szenerie; Krimi-Atmosphäre, Blutspurer, und flatternde Gardinen; Homosexuellen-Milieu: vor einem Pissoir standen dunkle Gestalten; Selbstmörder kletterten über die Brüstung; Handke sprach über Leben und Tod: Und das alles, und noch viel mehr, in einer Dreiviertelstunde.

Baden-Baden: trotzdem schön

Baden-Baden ist keine Stadt, sondern eine höchst subjektive Empfindung, und entsprechend ist jedes Urteil über diesen Zustand stets ein Vor-Urteil, zu dem, wer will, ein jeder die passenden Fakten zusammensuchen kann.

Billiger über Ostberlin

Wer sich im Gewirr der Paragraphen, Bestimmungen, Saisonzeiten und Sonderregelungen im Flugverkehr auskennt, kann eine Menge Geld sparen.

Reisenachrichten

Sport, Hobby, schöpferische Tätigkeit sind Reizwerte des modernen Tourismus geworden. Die Mediziner empfehlen von allem ein bißchen, und Reiseveranstalter wie Fremdenverkehrsbüros bemühen sich, dem mit einem breiten Angebot zu entsprechen.

Lesen und Reisen: Welt-Schau

Niemand verlangt von einem Touristen, daß er über das Land, das er besucht, bis in alle Einzelheiten informiert ist. Ein Mindestmaß an Informationsbereitschaft darf aber wohl auch von einem Gesellschaftsreisenden erwartet werden, vor allem dann, wenn er in Gebiete vorstößt, die erst jüngst für den Tourismus erschlossen wurden und in denen naturgemäß die Gegensätze zwischen Bevölkerung und Besuchern besonders kraß zutage treten.

1975 wird ein schlechtes Jahr

Genau 18 Tage mußten nach der Wahl an Rhein und Ruhr vergehen, bis die Regierung Abschied von den Illusionen über die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr genommen hat.

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