München

Der Mann im Rollstuhl ist nicht verbittert. Er äußert keine Rachegefühle. „Wissen Sie“, sagt Theo Mauser (34), „ich will kein Mitleid, kein Herumstochern in einer Geschichte, die jetzt ausgestanden ist.“ Ausgestanden freilich ist „die Geschichte“ und alles, was sich an tragischen Umständen um sie rankt, auch nach einer SPD-Landtagsanfrage noch lange nicht.

Sie begann am 6. Juni 1969, als der junge Internist Mauser nach einem „leichten Routineeingriff“ in der chirurgischen Universitätsklinik München aus der Narkose erwachte. Klinikchef Professor Alfred Nikolaus Witt (60) hatte den jungen Kollegen wegen einer tuberkulösen Erkrankung an der Wirbelsäule operiert. Doch anstatt zu genesen, trug Mauser eine Querschnittslähmung davon, die ihn seither an den Rollstuhl fesselt. Mauser, auf Grund seiner Ausbildung mit Fachwissen gewappnet, vermutete einen ärztlichen Kunstfehler und forderte – zuerst privat, dann über das Gericht – zumindest Schmerzensgeld: Die Gesundheit war ein für allemal dahin. Jetzt, sechs Jahre nach dem tragischen Vorfall, erhielt der Arzt wenigstens materiell Genugtuung: Der Freistaat Bayern, bei dem der Operateur Witt angestellt ist, und mehrere Versicherungen zahlten dem Internisten, der sich demnächst mit einer eigenen Praxis selbständig machen will, eine halbe Million Mark Schmerzensgeld.

Der Fall Mauser freilich hat nicht nur einen persönlichen Aspekt. Über das persönliche Schicksal des gelähmten jungen Arztes wurde in den letzten Jahren zum erstenmal einer breiten Öffentlichkeit deutlich, was Patienten widerfährt, die nach einer mißglückten Operation ihr Glück auf dem Prozeßweg suchen. „Er stieß jahrelang gegen eine Mauer beschämenden Schweigens“, sagt Mausers Anwalt Steffen Ufer. Gemeinsam mit dem trotz Lähmung, Nieren-, Blasen- und Leberschaden noch energiegeladenen Internisten bemühte sich der Anwalt, einen kompetenten Gutachter zu finden. Niemand jedoch traute sich, dem berühmten Orthopäden Witt einen Kunstfehler zu bescheinigen. Siebzehnmal klopfte Mauser – in der Standeswelt der Mediziner immerhin noch als „Kollege“ akzeptiert – vergebens bei Kapazitäten an. Erst beim achtzehnten Versuch wurde er fündig: Ein Gutachter in der Schweiz erklärte sich bereit, die Expertise anzufertigen.

Mauser zog mit dem Gutachten vor Gericht und nach vielem Hin und Her erhob die Münchner Staatsanwaltschaft Anfang dieses Jahres Anklage gegen Witt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Immerhin hatte der Arzt schon einmal Schlagzeilen gemacht und Regreßforderungen erfüllt: Der ebenfalls von ihm operierte Spitzenturnen Jürgen Bischof wurde mit 1,5 Millionen Mark abgefunden, weil er nach der Operation Mark Witt das Erinnerungsvermögen Operation durch Kurz bevor der Prozeß Mauser–Witt Mitte Mai beginnen sollte, wurde nun auch dieser Fall außergerichtlich beigelegt. Mit der Einigung über den Schadenersatz zog der gelähmte Arzt seinen Strafantrag gegen Witt zurück, was wiederum die Staatsanwaltschaft veranlaßte, ihrerseits die Anklage wegen Körperverletzung einzustellen. „Dafür liegt kein öffentliches Interesse mehr vor“, urteilte die Anklagebehörde.

Just dies führte aber, trotz allen Verständnisses für Mausers großzügige Abfindung, zu einem öffentlichen Proteststurm. Zwar bedeutet eine Anklage noch lange kein Urteil. Witts Anwalt, Robert Weigand, seit zwanzig Jahren in Fragen der ärztlichen Haftpflicht erfahren, war sich des Freispruchs für seinen Mandanten sicher. Erstmals einen berühmten Mediziner wegen eines mutmaßlichen Kunstfehlers auf die Anklagebank zu bringen, hätte jedoch Signalcharakter für viele ähnliche Fälle gehabt. „Jeder kleine Kratzer bei einem Verkehrsunfall wird von der Staatsanwaltschaft verfolgt, nicht aber die Verursachung einer Querschnittslähmung am Operationstisch“, meint Mausers Anwalt Ufer enttäuscht. Er spricht von einer „politischen Entscheidung“ der Staatsanwaltschaft, und Edmund Dicker (50), Präsident der in München gegründeten Vereinigung medizinisch-chirurgisch Geschädigter, kündigte an: „Wir werden weiterkämpfen, auch ohne Theo Mauser.“

Mauser verpflichtete sich in dem Vergleich, in Zukunft über sein Schicksal nicht mehr öffentlich nachzudenken. Privat will er um so mehr für die Opfer ärztlicher Fehlentscheidungen tun: „Einer Schlußstrich kann ich nicht ziehen.“ Mauser erhält täglich viele Briefe von verzweifelten Bürgern, die sich in ähnlicher Lage wähnen wie er Der gelähmte Arzt glaubt, daß die „Halbgöttei in Weiß“ in den letzten Jahren seltener geworder. sind – nicht zuletzt wegen des großen öffentlichen Interesses an seinem Schicksal. „Viele Ärzte haben begriffen: Noch ist manches faul bei uns“, sagt Mauser. Eine erste Konsequenz wurde von der Standesorganisation inzwischen gezogen: In München richtete die bayerische Ärztekammer eine Schlichtungsstelle ein. Sie soll geschädigten Patienten schneller zu ihrem Recht verhelfen.

Rolf Henkel