Von Karl Morgenstern

Steve ist ein Junge von neun Jahren. Ein weißer Junge, der leidenschaftlich gern und gut schwimmt. Er ist genauso talentiert wie seine Mutter engagiert und ehrgeizig ist. Und wenn Steve und seine Freunde im renommierten Swim Club Long Beach trainieren, im berühmten Belmont Plaza Olympic Pool, dann füllen viele gleichermaßen ehrgeizige und hübsche amerikanische Muttis die Tribünen der Schwimmhalle. Man ist auf einen Schwatz dabei, wenn der Filius trainiert, man bringt ihn zum Training, man holt ihn wieder ab. Auch eine Möglichkeit „grüner Witwen“, ihr tägliches Einerlei etwas aufzulockern. Doch Steve und seine Gefährten, die jüngsten Talente des Swim Club Long Beach, in dem es von Weltklasseschwimmern nur so wimmelt, werden von Mike White trainiert. Und damit haben sich noch nicht alle hübschen jungen Muttis weißer Hautfarbe abgefunden. Denn der junge Coach, der ihre lieben Kleinen kommandiert, ist dunkelbraun. Mike White, dritter Assistenztrainer im weltweit bekannten SC Long Beach, ist ein Farbiger. Ein Novum im US-Schwimmsport. Und welcher Junge oder welches Mädchen, das einmal in diesem Club eine Rolle spielen möchte und deshalb in der Kindergruppe trainieren will, auch kommt, der Weg führt immer über Mike – White. Und notgedrungen fügen sich auch manche Muttis, denen das gar nicht so recht gefällt. Doch der familiäre Ehrgeiz ist am Ende grpßer als alle in Generationen gewachsene weiße Selbstzufriedenheit.

Was noch in den sechziger Jahren in den meisten populären Schwimmvereinen Kaliforniens unvorstellbar war, wo es seit Jahrzehnten ungeschriebene Rassenschranken gibt, ist im angesehenen Swim Club Long Beach inzwischen erfreulich-positive Selbstverständlichkeit. Der SC Long Beach ist nicht identisch mit dem US-Schwimmsport, auch wenn er einer seiner stärksten Clubs ist, aber er setzt Signale. Amerikas Schwimmvereine, deren oft ungewöhnlich traditionsbewußte und dazu auch meist sehr selbstherrliche Führerfiguren Farbigen seit Generationen den Zutritt verwehrt haben, beginnen die Zeichen der Zeit zu erkennen und den lange genug diskriminierten Schwimmern dunkler Hautfarbe ihre Bäder zu öffnen. Und der Swim Club Long Beach leistet in dieser Hinsicht bemerkenswerte Pionierarbeit. Die Bereitschaft der Mercersburg Academy und ihres Coaches Pat Barry, den stärksten schwarzafrikanischen Kraulsprinter und Delphinschwimmer Johnbull Ebito, 1973 bei den Panafrikanischen Spielen in Lagos Sieger über 100 m Delphin mit bescheidenen, für ihn selbst allerdings hervorragenden 1:01,6 Minuten, auf die Olympischen Spiele 1976 in Montreal vorzubereiten, mag nur symbolischen Wert haben und guten politischen Willen ausweisen. Positiv ist auch dieser Goodwill in jedem Falle.

Bemerkenswerter ist die Praxis im Belmont Plaza Olympic Pool in Long Beach, wo Amerikas Schwimmer in diesem Sommer ihre Flugkarten zu den Weltmeisterschaften in Cali ausschwimmen. Da gibt es den erstklassigen Kraulsprinter Mike Haden, der mit 53,2 Sekunden zu den Besten der Welt gehört. Mike Haden kann und will seine indianische Herkunft nicht verleugnen. Im gleichen Team trainiert die dunkelbraune Kraulsprinterin Karen Pedersen, 16 Jahre jung. Die farbige Schönheit ist ein großes Talent. In fast jedem europäischen Land wäre sie Mitglied der Nationalmannschaft. Und der jüngste Nachwuchs wird von Mike White betreut. Und die Mütter weißer Hautfarbe sitzen auf der Tribüne – und haben sich, zwangsläufig, damit abgefunden. Das ist das eigentliche Novum. Dergleichen kommt im US-Schwimmsport, dessen Marschroute nach wie vor vor allem im Süden und Westen der Staaten bestimmt wird, fast einer Revolution gleich. Einer friedlichen und sehr positiven Revolution.

Es ist der gleiche Swim Club, in dem auch der frühere deutsche Rekordschwimmer Klaus Barth aus Bremen seinen bemerkenswerten Weg geht, den ihm in der Heimat eigentlich keiner so recht zugetraut hatte. Aus dem einstigen Werkzeugmacher, der mit Hilfe der Stiftung Sporthilfe in das Wunderland des Schwimmsports geschickt wurde, um in Kalifornien zum Weltklasseschwimmer gedrillt zu werden, ist in Long Beach ein tüchtiger Trainer und Sportlehrer geworden. Klaus Barth, 26 Jahre alt, ging den gleichen Weg wie sein Freund Hans Faßnacht, der Mannheimer Weltrekordschwimmer. Sie suchten in den USA ihr Glück. Klaus Barth scheint es gefunden zu haben. Hans Faßnacht sucht es noch. Klaus Barth, der noch Ende der sechziger Jahre so gut wie kein Wort Englisch sprach, hat sich zum tüchtigen Sportlehrer gemausert. 1976 wird er gar an einer High School Sport und Deutsch unterrichten. Und nebenbei ist er Assistenztrainer Nummer eins im Swim Club Long Beach, wo Dick Jochums als Chefcoach über Weltrekordkrauler Tim Shaw, die schnellen Brüder Bruce und Steve Furniss und ein Dutzend Weltklasseschwimmer mehr gebietet. Klaus Barth, dessen Schützlinge vielfach gar nicht wissen, daß er Deutscher ist, ist seine rechte Hand. Und eine der schnellsten Schwimmerinnen, die der einstige Bremer Rekordschwimmer trainiert, ist Karen Pedersen, die farbige Schönheit mit dem dänischen Namen.

Klaus Barth und Hans Faßnacht, der in diesem Sommer endlich sein Betriebswirtschaftsstudium abschließen will, fühlen sich längst als Amerikaner – mit deutschen Pässen. Beide sind mit Amerikanerinnen verheiratet, beide verspüren wenig Neigung, wieder nach. Deutschland zurückzukehren. „Bei meinem letzten Besuch in Deutschland habe ich doch gemerkt, wie fremd mir das Leben in der Bundesrepublik schon geworden ist“, gibt des deutschen Schwimmsports liebstes Kind der späten sechziger und frühen siebziger Jahre unumwunden zu. Hans Faßnacht, der hin und wieder damit geliebäugelt hat, eines Tages vielleicht Schwimmtrainer in Deutschland zu werden, zieht nichts mehr in die Heimat zurück: „Ich habe in Deutschland kaum Freunde; die meisten meiner Freunde sind Amerikaner.“ Verwunderlich ist es nicht. Der Weltrekordschwimmer aus Mannheim, der bei den Olympischen Spielen in München seine sportliche Laufbahn mit Siegen krönen wollte und am Ende sein Waterloo erlebte, lebt schließlich seit 1968 in Amerika. Es werden, im Herbst sieben Jahre. Dabei ist er gerade 24 Jahre jung.

Hans Faßnacht hat heute Distanz zum feuchten Element gewonnen. Im Swim Club Long Beach, zu dessen populärsten Stars er einst – zu Don Gambrils Zeiten – gehört hat, läßt er sich kaum blicken. Er kennt Mike White nicht und auch nicht Mike Haden. Ihn interessiert nicht einmal das Training eines Tim Shaw, von dem doch jedermann weiß, daß dieser Weltrekord-Schwimmer noch härter trainiert als einst Hans Faßnacht. Und das galt schon als Nonplusultra. Und insofern unterscheidet er sich erheblich von seinem Freund Klaus Barth, der später nach Amerika ging, gefördert vom gleichen Deutschen Schwimmverband, der von ihm de facto so wenig gehabt hat. Klaus Barth, der immer im Schatten des Weltrekordlers stand, ist ein engagierter und erfolgreicher Trainer geworden. Ein Mann, der sich in der Welt des Schwimmsports heute besser auskennt als zu seiner aktiven Zeit. Und der nichts Bemerkenswertes daran findet, daß er in einem der berühmtesten amerikanischen Schwimmclubs ein angesehener Trainer geworden ist, der in praxi auch die alte Mär unverbesserlicher Rassisten widerlegt, wonach Farbige im feuchten Element keine Rolle spielen können. Und alles im „weißen“ Süden Kaliforniens.