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Jahrzehntelang lag Saudi-Arabien im Windschatten der Weltpolitik: ein Wüstenland. Nach dem Ölembargo ist es in den Kreis der Mächtigen gerückt: ein Morgenland als Land des Morgen? Unser Redaktionsmitglied hat es besucht. In seinem Schlußbericht werden die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des saudischen Weges in die Zukunft geschildert.

Das Wahhabitenreich am Wendepunkt

Von Dietrich Strothmann

Saudi-Arabien ist zu einem Drittel unbewohnbare Sandwüste, zu einem zweiten Drittel unkultivierbare Steinwüste – aber es schwimmt in Öl und schwelgt in Geld. Gleichwohl ist es kein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wirtschaftlich und sozial muß es sich der Gegenwart anpassen, wenn es die Zukunft nicht verspielen will.

Dschidda zum Beispiel, die Hafen- und Diplomatenstadt, war vor fünf Jahren noch eine allmählich verfallende Stadt; heute ist es ein moderner Umschlagplatz für Waren aus aller Welt, dazu eine technisch glänzend organisierte Durchgangsstation für eine Million Mekkapilger, die jährlich zur "Hadsch" aus der ganzen islamischen Welt von Marokko bis Indonesien herbeiströmen (letztes Jahr brachten sie über sechs Milliarden Mark ins Land).

Zug um Zug werden die windschiefen alten Häuser mit ihren reichverzierten Holzbalkons abgerissen. Hochbauten aus Glas und Beton verdrängen die mittelalterlich anmutenden Wohngebäude. Vollklimatisierte Büros großer Weltfirmen, Geschäfte mit den Warenauslagen neuester westlicher Produktion, autoverstopfte Asphaltstraßen rücken den winkligen Gassen und tausend Ständen immer dichter zu Leibe. Eine Goldgräberstadt ist entstanden, wo es vor zwanzig Jahren noch nicht einmal ein Taxi gab: hektisch, lärmend, nervös, auf Erfolg und Ertrag, auf Geld und Geschäft programmiert. Immer mehr verliert sie ihr arabisches Gepräge, immer ähnlicher wird sie der uniformen amerikanischen Erdölstadt Dahran am Persischen Golf.

Das Leben wurde laxer

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Zum Stil der neuen Zeit gehört freilich auch die Inflation. Außer Grundnahrungsmitteln und Benzin (der Liter zu sieben Pfennigen) wird alles dauernd teurer; die Bodenpreise stiegen im letzten Jahr um das Zehnfache, dementsprechend auch die Mieten in der mittlerweile 400 000 Einwohner zählenden Metropole. –

Vieles hat sich in Saudi-Arabien in den stürmischen letzten Jahren geändert. Selbst die Sache mit dem Schleier ist anders geworden. Immer mehr Frauen legen ihn ab, weil die Männer in der Öffentlichkeit demonstrieren wollen, wie hübsch und ansehnlich ihre Gattinnen sind. Andere Frauen wiederum tragen ihn bewußt, um sich nicht den anzüglich-forschenden Blicken der neugierigen Männerwelt preiszugeben. Daneben gibt es jene Mädchen, die einen fast durchsichtigen Schleier benutzen, hinter denen ihre geschminkten Augen, Lippen und Wangen deutlich zu erkennen sind – der Schleier enthüllt mehr, als er verbirgt: Sex im Verborgenen.

Vieles aber ist auch beim alten geblieben. Nach wie vor sind die weiblichen Saudis an die Ketten des Koran gefesselt wie an einen Felsen. Sie dürfen, ebensowenig die Ausländerinnen, nicht selber Auto fahren und ohne männliche Begleitung nicht einmal in ein Taxi steigen – was dann und wann freilich doch geschieht. Es ist noch nicht lange her, daß die "Mutatawwiins", die freiwilligen Religionspolizisten von der sittenstrengen "Gesellschaft zur Förderung des Guten und zur Verhinderung des Bösen", mit ihren langen Stöcken fremdländische Frauen aus dem Bazar verjagten, die in ihren Miniröcken und ärmellosen Blusen unliebsames Aufsehen erregten. Ähnlich erging es auch manchem langhaarigen Jüngling; einmal wurde der Sohn des japanischen Botschafters gewaltsam zum Friseur getrieben. Freilich schwindet die Macht der uniformierten Sittenwächter, die ja auch dafür sorgen wollen, daß die vorgeschriebenen fünf Gebetspausen pro Tag eingehalten werden. Aber wenn in Dschidda der Muezzin zum Gebet ruft, bleiben die Läden geöffnet, kein Auto stoppt. Selten ein Mann, der niederkniet, selten eine Frau, die ihren Einkauf unterbricht. Das Leben ist laxer geworden.

Einige Gesetze des Koran werden indessen auch in dieser beinahe lebensfrohen Stadt strikt befolgt. Es gibt keine Bars, Alkohol ist streng verboten; und es gibt keine Kinos, keine Theater, keine Musikveranstaltungen. Unter Ibn Saud, der den puritanischen Wahhabismus und den arabischen Nationalismus im Kampf gegen den türkischen Kolonialismus miteinander verschmolz, waren allein Kriegstrommeln als Musikinstrumente zugelassen.

Überhaupt ist Saudi-Arabien mit seinen harten Lebensbedingungen ein Land ohne eine eigene Kulturleistung. Anders als die frühen Zentren arabischer Hochkultur wie Kairo, Damaskus oder Bagdad kennt die harsche Halbinsel keine Literatur, keine Architektur, keine Plastik, keine Tonkunst, keine Malerei. Den umherziehenden Beduinen war nur die, mündlich überlieferte Nachricht vertraut. Noch heute stellen sie als erstes die Frage: "Wa Wischu Aloukum? – Was gibt es Neues?

Dafür regelt der 1300 Jahre alte Koran als alleingültigen Kodex – das Leben des Landes, in dem die Wiege des Islam stand. Hier verkündete Mohammed seine Lehre, hier herrschte er (in Mekka) und hier liegt er begraben (in Medina). Die "Schari’a", das Heilige Recht, gibt den Ton an, bestimmt das Leben. So kommt es, daß noch heute Frauen nicht zusammen mit Männern arbeiten dürfen; daß die Mädchen in den Schulen und Universitäten getrennt von den Jungen unterrichtet werden; daß sie später als Lehrerinnen oder Krankenschwestern wieder nur weibliche Saudis ausbilden und pflegen dürfen. Die Stewardessen der "Saudi-Arab Airlines sind Ausländerinnen, ebenso die Pflegerinnen in den Männerabteilungen der Hospitäler.

Und Geburtenkontrolle bleibt verboten, die Pille geächtet. Allerdings stand in dem Dekret Riads nicht nur zu lesen, daß der Koran jeden Eingriff in die Pläne Gottes verbiete. Es wurde obendrein ganz modern argumentiert, daß "das Königreich mehr Männer zum Arbeiten und mehr Frauen zum Gebären braucht". Das Land verfügt zwar über eine enorme Finanzkraft, hat aber zuwenig Menschen. Die Schätzungen der Bevölkerungszahl schwanken zwischen vier und acht Millionen – und vier Millionen ist wahrscheinlicher als acht. Davon sind annähernd 1,3 Million nen "Fremdarbeiter" aus dem Libanon, Jemen, dem Sudan, aus Palästina, Äthiopien und Ägypten, eine weitere Million sind nomadisierende Beduinen.

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Saudi-Arabien heute steht an der Wende von der Vergangenheit zur Zukunft, zwischen religiöser Tradition und ökonomischen Zwängen. Im Grund ist die Entscheidung längst gefallen: zugunsten der Veränderung, des Wandels. Die Eigengesetzlichkeit des Ölreichtums und des Ölgeldes hat das ihre getan. Aus dem Morgenland wird allmählich ein Land des Morgen.

Auf dem Weg radikalen Wandels stößt das Land freilich an vorgegebene Grenzen:

  • Die Ölvorräte sind nicht unerschöpflich. Mit etwa 20 Milliarden Tonnen (gleich 22 Prozent der bekannten Weltreserven) gebietet Saudi-Arabien zwar über die größten Vorkommen und kann davon beim gegenwärtigen Produktionsniveau schätzungsweise noch weitere 25 Jahre gut leben. Der Plan aber, sich rechtzeitig auf ein "zweites Bein" zu stellen (Industrialisierung, Landwirtschaft), stößt auf erhebliche Schwierigkeiten.
  • Die Geldbestände sind imponierend. Im Jahre 1974 nahm das Land rund 70 Milliarden Mark nur aus den Erdöl Verkäufen ein; nach den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik hat Saudi-Arabien heute die größten Währungsreserven. Indes kann es nur in begrenztem Umfang im eigenen Land investieren. Die Etatsummen gibt es höchstens zu 70 Prozent aus, der Rest muß gehortet werden. Die für den zweiten Fünf-Jahres-Plan (1975 bis 1980) veranschlagte Summe von vorläufig 168 Milliarden Mark wird kaum voll verwendet werden (der erste Plan sah noch Ausgaben von 65 Milliarden vor, von denen ein ansehnlicher Überschußbetrag ungenutzt blieb).
  • Entwicklungsfähig sind in Saudi-Arabien nur einige, begrenzte geographische Gebiete und wirtschaftliche Sektoren. So bietet sich lediglich die Golfküste, mit ihren Ölfeldern und die nördliche Rotmeerregion zur Ansiedlung von Großindustrien an (Raffinerien, Stahl-, Zement- und Aluminiumwerke, petrochemische Fabriken, Kraftwerke, Montageanlagen). Ein Ausbau der Landwirtschaft (nur 0,2 Prozent der Fläche, meist in einem Küstenstreifen südlich Dschiddas, werden derzeit bebaut) würde Investitionssummen erfordern, die weit über den gegenwärtigen Importkosten für Lebensmittel liegen. Erdöl macht 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, die Erzeugnisse der Landwirtschaft machen nur knapp 2,8 Prozent aus.
  • Saudi-Arabien wird noch lange ein Importland bleiben. Allein auf dem Privatsektor stiegen die Einfuhrquoten von 1970. bis 1973 um 41,3 Prozent, wovon auch die Bundesrepublik profitiert; 1973 wurden zum privaten Konsum für fast fünf Milliarden Mark Waren eingeführt, für 1974 wurde mit einer weiteren Steigerung um 35 Prozent gerechnet.
  • Auf dem Gebiet der Infrastruktur wird intensiv investiert, für Straßen, Flughäfen, Seehäfen, Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau, Wasserversorgung, Elektrizität und Telephon. Im neuen Entwicklungsplan sind zum Beispiel für einen kostenlosen Gesundheitsdienst 97 Hospitäler mit 10 000 Betten vorgesehen; in Riad und Dschidda sollen jeweils 10 000 Wohnungen gebaut werden.
  • Geld gibt es genug, auch sind die Schubläden in den Ministerien und staatlichen Planungsbehörden mit ausländischen Investitionsangeboten und Entwicklungsvorschlägen bis an den Rand gefüllt (von Meerwasser-Entsalzungsanlagen bis zu Papierbechermaschinen), doch fehlt es Saudi-Arabien am Wichtigsten: an ausgebildeten Arbeitskräften. Auf längere Sicht mangelt es den Ministerien und Planungsabteilungen an Experten; dort sind noch immer viele Amerikaner beschäftigt. Auch Facharbeiter fehlen für die verschiedenen Mammutprojekte, und Spezialisten aller Art. Wird ein modernes Krankenhaus gebaut, dann muß der saudische Dekan der Medizinischen Fakultät in die Vereinigten Staaten reisen, um dort die erforderlichen Ärzte und Assistenten anzuwerben. Bei jeder neuen Fabrik ist es ähnlich: Know-how ist Mangelware.

Eine neue Gesellschaft entsteht

Die arabische ölsupermacht ist ein Entwicklungsland. In erster Linie benötigt sie Menschen. Der neue Fünf-Jahres-Plan sieht daher die Einschleusung von 500 000 muslemischen Gastarbeitern vor, darunter auch Türken aus der inflationsgeschädigten Bundesrepublik. Außerdem erfordern die Entwicklungsvorhaben die Anstellung von 150 000 technisch hochqualifizierten Spezialisten aus dem Ausland. Und die Anschaffung modernsten Kriegsgerätes, von Düsenjägern, Raketen, Panzern im Gegenwert von 6,7 Milliarden Mark, verlangt Ausbilder aus den Lieferländern Amerika, Frankreich und England.

Kann es selbst einem Land mit der Finanzkraft Saudi-Arabiens bei solchen mangelhaften Voraussetzungen tatsächlich gelingen, bis 1980 vier Ziele gleichzeitig zu erreichen – den Lebensstandard zu heben; den Ölsektor in die Inlandswirtschaft zu integrieren; die Wirtschaftsbasis zu verbreitern; die Exportbasis zu diversifizieren? Kein Fachmann in Riad weiß die Antwort.

Viel eher absehbar sind dagegen die gesellschaftspolitischen Konsequenzen des forcierten Wandels – die Folgen intensivierter Bildung und Ausbildung (auch der Mädchen), der verstärkten Einwanderung fremder Arbeitskräfte, der massiveren Durchdringung der Managementkader mit nichtmoslemischen Ausländern. Die Gesellschaft des Landes wird mit der Zeit eine neue Prägung erhalten, wird pluralistischer, weltoffener, kritischer werden. Bei Hofe, wo freimütig zugegeben wird, die Saudis seien die "letzten wahren Kapitalisten der Welt", wächst die Erkenntnis, daß mit jedem Stück Modernisierung in Wirtschaft und Gesellschaft die Herrschaftsbasis der Monarchie automatisch schwächer wird.

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Mehr Schüler und Studenten werden eine breitere Intelligenzschicht bilden, mehr Mädchen im Berufsleben werden die Emanzipation fördern, mehr eigene Facharbeiter, Kleinfabrikanten und Geschäftsleute einen aktiven Mittelstand formieren. Von ihnen wird eines Tages auch der Ruf nach mehr Freiheit kommen, nach einem demokratischen System, nach Mitsprache in öffentlichen Angelegenheiten, nach Vertretung der Arbeitnehmerinteressen, Gleichstellung der Frau, Meinungsfreiheit, nach einer Art Parlamentarismus.

König Feisal rühmte sich einmal seiner wöchentlichen "Madschlis", der jedermann zugänglichen Audienzen im Palast: "Sofern, sich einer schlecht behandelt fühlt, ist es seine eigene Schuld, wenn er es mir nicht sagt. Gibt es eine höhere Form von Demokratie?" Die Frage ist, ob sich der in einer britischen Militärakademie trainierte Major, der an einem amerikanischen College ausgebildete Arzt und der in einer westdeutschen Bank geschulte Finanzexperte auf die Dauer mit dieser patriarchalischen Form einer Demokratie von Gottes und Königs Gnaden zufrieden geben werden.