Ungewöhnliche Wandlungen im Bewußtsein der Bevölkerung

Von Elisabeth Noelle-Neumann

Vor 30 Jahren, im Sommer 1945, bewohnte ich in Tübingen ein Studentenzimmer unterhalb des Stifts, mit dem Blick auf den Neckar, nahe dem Hölderlinturm und schräg gegenüber der Bursa, in der Melanchthon gelehrt hatte. Carlo Schmid war mir, die ich als Flüchtling im April 1945 nach Tübingen gekommen war, damals ein wichtiger Gesprächspartner, und manche seiner Sätze habe ich bis heute behalten. Zum Beispiel den Satz: „Man muß die deutsche Jugfend zum Ungehorsam erziehen.“

Zwanzig Jahre vergingen; die antiautoritäre Zeitschriften- und Taschenbuchliteratur hatte sich mittlerweile überallhin verbreitet. Damals erst, 1967, hatten wir Gelegenheit, im Allensbacher Institut Erziehungsideale mit einer 15-Punkte-Liste zu erfragen, um die Geltung von altmodischen und neumodischen Werten festzustellen. Fünf Jahre später wurde die Frage unverändert wiederholt. Das Ausmaß der Veränderungen zeigte uns, daß wir einen Ausschnitt aus einem schon länger anhaltenden Prozeß erfaßt hatten: dem Prozeß der Erosion der bürgerlichen Tugenden. Im raschen Absinken fanden wir, was 250 Jahre als bürgerliche Tugenden gepflegt worden war. Der Abbau vollzog sich in der Arbeiterschaft, aber darüber hinaus in allen Bevölkerungsschichten – und am radikalsten immer bei der jungen Generation.

Der Fragetext lautete: „Jetzt eine Frage zur Erziehung. Wir haben einmal eine Liste zusammengestellt mit den verschiedenen Forderungen, was man Kindern für ihr späteres Leben alles mit auf den Weg geben soll, was Kinder im Elternhaus lernen sollen. Was davon nahen Sie für besonders wichtig?“ Die Frage richtete sich an die berufstätige Arbeiterschaft insgesamt und an männliche Arbeiter unter 3C Jahren.

1. Kinder sollen im Elternhaus „Höflichkeit und gutes Benehmen“ lernen, meinten 1967 r.och 82 Prozent, fünf Jahre später nur 65 Prozent. Junge Arbeiter unterstützten dieses Erziehungsziel 1967 zu 81 Prozent, 1972 zu 5C Prozent.

2. Man soll Kinder dazu erziehen, „ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft zu tun“. Das fanden 1967 74 Prozent, 1972 63 Prozent der Arbeiterschaft besonders wichtig; junge Generation: 71 Prozent, 52 Prozent.