Von Nina Grunenberg

Vor seinen Richtern tritt er anders auf als früher – Günter Karl Heinz Guillaume, 48 Jahre alt, angeklagt des schweren Landesverrats. Bis zu seiner Verhaftung galt er, der Referent Willy Brandts, als serviler Typ im Hintergrund, als graue Maus im Schatten des Kanzlers. Hier aber, in Düsseldorf vor dem 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts, ist er wer – da gibt es keinen Zweifel. Er gibt sich selbstbewußt und lässig und macht den Eindruck, als genieße er Seine Rolle. Ab und zu hat er Mühe, einen Heiterkeitsausbruch zu unterdrücken. Da mag Nervosität mitspielen. Aber wäre es ein Wunder, wenn er sich über die vielen Bonner Bekannten aus Journalistenkreisen lustig machte, die ihn von den Presseplätzen her anstarren, als wäre er ein exotisches Tier?

Auch Christel Guillaume, seine um ein Jahr jüngere Frau, scheint sich zu amüsieren. Zwar hieß es noch vor kurzem, sie wolle sich scheiden lassen, im Gerichtssaal aber posiert sie mit dem Gatten so strahlend, als gelte es, trautes Glück zu beweisen. Vielleicht ist auch das nur der Versuch, eine Show abzuziehen, die sie nicht dauerhaft durchhält. Wenn es nichts zu lachen gibt, zeigen ihre scharfen, verhärmten Züge zu deutlich, daß sie beim Spiel mit dem Leben nicht auf die einfache Tour davongekommen ist.

Dem Ehepaar Günter und Christel wird vorgeworfen, gemeinschaftlich „Mittelsmännern einer fremden Macht Staatsgeheimnisse mitgeteilt und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik herbeigeführt“, unbefugt Geheimnisse offenbart und „dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet“ zu haben. In dem Anklagesatz, den selber zu verlesen sich Generalbundesanwalt Siegfried Buback nicht nehmen ließ („Darüber ist schließlich ein Kanzler gestürzt“), heißt es: Günter Guillaumes „geheimdienstlicher Auftrag, den er hier als Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auszuführen hatte, lautete: Integration und Aufklärung der SPD’. Bei der Erfüllung dieses Auftrages hatte seine Ehefrau mitzuwirken.“ Das Material wurde mit der Kleinbildkamera, teils mit der Minox, später auch auf Schmalfilmen aufgenommen und dem MfS zugespielt. Der Kurier war Christel Guillaume.

Das Ehepaar lehnte es ab, zu der Anklage Stellung zu nehmen. Die beiden schweigen und wollen den Ausgang des Prozesses offenbar der Überzeugungskraft der Indizien überlassen. In der Tat: Wenn ein Spion Referent des Kanzlers ist, wozu braucht man dann noch ein Geständnis seines Landesverrats?

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„Ich bin ein Landesverräter, wissen Sie“, sagte der 85jährige Knut Hamsun, als er 1945 unter Polizeiaufsicht gestellt wurde. Auf die Frage; wie er in dieses Unglück geraten sei, antwortete er nur: „Es macht nichts.“