ARD, Sonntag, 22., und Dienstag, 24. Juni: „Stellenweise Glatteis“ von Max von der Grün, Regie Wolfgang Petersen

Wenn das Martinshorn nachts durch die Straßen heult, wenn der Kommissar zum „Tatort“ eilt, wenn Brände toben und Zeugen schweigen, dann ist Wolfgang Petersen in seinem Element. Als Spezialist für Kriminelles hat der 33jährige Absolvent der Berliner Filmakademie seit 1971 eine erstaunliche Karriere gemacht. Immerhin schon vierzehn Filme, darunter der Kinothriller „Einer von uns beiden“, gehen auf das Konto dieses angenehm bescheidenen Regisseurs, der solides Handwerk à la Hollywood mehr zu schätzen weiß als windige Prätentionen.

Petersen arbeitet schnell und präzis, und wenn es nach dem Willen der Fernsehdramaturgen ginge, würde er mindestens ein halbes Dutzend Filme pro Jahr für die Mattscheibe drehen. Seine Dienste sind so gefragt, daß er bereits Gefahr läuft, sich verschleißen zu lassen. Der Abenteuerfilm Aufs Kreuz gelegt“, 1974 für den NDR gedreht, enttäuschte durch matte, allzu glatte Routine, der WDR-Zweiteiler „Die Stadt im Tal“, ebenfalls 1974, wies etliche Längen auf.

Petersen, der gewiß kein „Auteur“ ist, nicht einmal ein Autor, braucht gute Drehbücher. Er gehört nicht zu jenen Regisseuren, die mediokres Ausgangsmaterial durch eine individuelle kinematographische Vision völlig zu überwinden vermögen. Sein großes Talent zur plastischen, stimmigen Zeichnung von Menschen und Milieus ist abhängig von einer adäquaten Vorlage.

Und die hat er diesmal gefunden mit Max von der Grüns Roman „Stellenweise Glatteis“, vom Autor selbst für das Fernsehen adaptiert. Wie Petersen ist auch von der Grün weniger Theoretiker als Praktiker, weniger Ideologe als Geschichtenerzähler. So lag es nahe, daß der Regisseur die handfeste Geschichte des Schlossers Karl Maiwald, der in seinem Dortmunder Betrieb zufällig eine Abhöranlage entdeckt und einen entschlossenen Kleinkrieg gegen die Betriebsleitung anfängt, als eine Art Kohlenpott-„Tatort“ inszenieren würde: bedacht mehr auf spannende Aktion als auf sozialpolitische Finessen. Erhalten blieb immerhin die dezidiert gewerkschaftsfeindliche Tendenz des Romans, die „Stellenweise Glatteis“ mit den Filmen von Ziewer/Wiese und Lüdcke/Kratisch verbindet. Nicht zufällig läßt Petersen den opportunistischen Gewerkschaftsfunktionär Grünefeld von Günther Neutze spielen, einem verbrauchten, vom Fernsehen kaputtgemachten Darsteller.

Karl Maiwald, gespielt von dem redlichen Günter Lamprecht, ist ein sehr deutscher Held, einer, der sagt: „Ich will keine Ordnung, ich will Gerechtigkeit.“ Und da die Bank für Gemeinwirtschaft, die Maiwalds Firma schließlich übernimmt, offenbar auch kein Institut ist, das mit derlei moralischen Kategorien arbeitet, erleidet von der Grüns Dortmunder Kohlhaas eine Niederlage nach der anderen.

Die tragische Dimension dieser Figur interessiert Petersen allerdings erheblich weniger als ihr Ambiente. Sehr prägnant gelungen ist zum Beispiel die alkoholselige Weihnachtsfeier im Betrieb, die nach Maiwalds Enthüllungen über die Abhöranlage von dumpfer Feierlichkeit unversehens in dumpfe Aggressivität umschlägt. Im Hof geht der Weihnachtsbaum in Flammen auf, und nur knapp entkommen die Direktoren dem handgreiflichen Zorn der Werktätigen. Petersen beginnt diese Sequenz mit einer langen Kamerafahrt durch den verqualmten Saal. Ganz am Ende kommt der Tisch der Direktion ins Bild, separiert von der lärmenden Menge. Indem die Lokalität in einer Einstellung, ohne Schnitt, vorgeführt wird, erscheint die hierarchische Struktur besonders sinnfällig, konkret erfahrbar.