Von Horst-Wolfgang Bremke

Deutsche Uraufführung eines Trauerspiels. Ort der Handlung: westlicher Teil der Ostsee, zwischen Kiel und Flensburg. In den Hauptrollen: unter anderem „Wilhelmine Essberger“, jüngstes Schiff der Hamburger Reederei John T. Essberger; ein 240 000 Tonnen großer Tanker modernster Bauart, Produkt gescheiterten Schiffbaupolitik.

Im Mai wurde der 314 Meter lange Riesentanker in Kiel getauft. Doch seine Jungfernreise in der vergangenen Woche war auch seine vorerst letzte Reise. Nirgendwo auf der Welt will ihn jemand haben. In der Geltinger Bucht vor Flensburg wird deshalb die „Wilhelmine Essberger“, deren Bau 125 Millionen Mark gekostet hat, auf unbestimmte Zeit die Anker fallen lassen. Dort, wo seit dem 3. April bereits der 150 000-Tonnen-Tanker „John-Augustus Essberger“ derselben Reederei liegt. Drei beschäftigungslose Tanker sind damit bis jetzt in die Geltinger Bucht abgeschoben; und bald wird ein weiterer Essberger-Tanker hinzukommen, an dem zur Zeit noch gebaut wird.

Diese Tanker im Ruhestand sind die Produkte eines Subventionsprogramms der Bundesregierung. Seit 1972 wurden die Mammutschiffe mit 150 Millionen Mark gefördert. Weitere Millionen standen bereit. Das Konzept der Regierung: Deutschland muß in der Ölversorgung mitspielen, wenn schon nicht mit eigenen Quellen, so doch wenigstens im Transport.

Was Bonn nicht ahnte: Andere Länder bauten ebenfalls wie wild – allen voran Japan –, und wenig später brachte die Ölkrise einen rückläufigen Energie- und damit Ölverbrauch in aller Welt. Gegenüber früheren Prognosen, die einen jährlichen Anstieg der Ölimporte von sechs Prozent voraussagten, wird jetzt, bis 1985 ein Rückgang von 60 Prozent angenommen.

Doch inzwischen kommen nun die zuvor in Auftrag gegebenen Tanker von den Helgen – und werden nicht gebraucht. Das Problem ist weltweit, doch in der Bundesrepublik entbehrt es nicht der Ironie: Denn ausgerechnet diese neuen Tanker wurden von der Bundesregierung gefördert; mancher Reeder hätte sich ohne die Steuergelder aus Bonn gar nicht im Tankerbau engagiert. So beispielsweise Deutschlands größter privater Reeder Egon Oldendorfs

Der Lübecker Reeder, an der Küste als verschlossen, rigoros und arbeitnehmerfeindlich bekannt, fand die Idee nicht schlecht, mit Hilfe des Steuerzahlers am Ölgeschäft teilzuhaben. Schnell entschlossen bestellte er bei Deutschlands größter Werft, der Howaldtwerke Deutsche-Werft AG (HDW), zwei Mammuttanker. Doch ebenso schnell entschlossen teilte er dem HDW-Chef Norbert Henke nach Eintritt der Tankerflaute mit, nun sei es Zeit zu stornieren. Seine Begründung: höhere Gewalt.