Von Adolf Metzner

Das 75. Jubiläum der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften wurde am Wochenende in Gelsenkirchen gefeiert. Dort, wo seit jeher im Stadtteil Schalke der Fußball triumphiert. Dort, wo einst die Szepan und Kuzorra mit ihrer Spielkunst die Massen verzauberten und den Kumpels den siebenten Himmel vorgaukelten, traten diesmal die leichten Athleten im Parkstadion an.

Die Zuschauer dankten es: 20 000 am ersten und 30 000 am zweiten Tag, sie waren so beifallsfreudig und wohlwollend wie noch nie. Selbst international gemessen nur mittelmäßige Leistungen – und es waren deren viele – wurden lebhaft beklatscht. Nur der Leverkusener Sprinter Ommer bekam gellende Pfiffe zu hören, als er seinem Besieger im 100-Meter-Lauf, Ehl aus Wattenscheid, nicht gratulierte und sich brüsk abwandte. Dabei betrug Ehls Vorsprung fast einen Meter und wurde scheinbar spielend herausgelaufen, während der Jurastudent Ommer wie immer verkrampft wirkte. Aber ein solch naives Publikum braucht offenbar den bösen Mann, wie er im Catcherzelt immer gratis mitgeliefert wird. Die Siegerzeit von 10,23 Sekunden wäre auch international ausgezeichnet und entspräche beinahe handgestoppten 10,0 Sekunden, wenn nicht ein Schiebewind von 2,8 Meter sie relativieren würde.

Am ersten Tag traten die beiden einzigen. Weltrekordleute der bundesdeutschen Leichtathletik an, Riehm mit dem Wolfram-Hammer und Wolfermann mit dem trotz der Zigarrenform doch so schlanken Speer, Riehm machte seine Sache ausgezeichnet. Es ist ein Genuß, diese Verbindung von Rasanz und Harmonie im Kreis zu erleben.

Schon beim ersten Wurf bohrte sich der Hammer bei 76,96 Meter in den Rasen. Der nächste war bereits der beste, 77,44 Meter, also nur gut ein Meter unter dem eigenen Weltrekord von 78,50 Meter. Der schwere und schnelle Mann aus Konz hörte dann nach dem vierten Versuch (75,24 Meter) auf, da ein leichter Muskelfaserriß in der Oberschenkel-Muskulatur zur Vorsicht mahnte. Karl-Heinz Riehm ist zur Zeit in der Bundesrepublik der Leichtathlet Nr. 1.

Der zweite Weltrekordinhaber, Olympiasieger Wolfermann dagegen war nur noch ein Schatten seiner selbst. Mit seiner Leistung von 78,00 Meter wurde er hinter Dr. Hein (79,36 Meter) nur zweiter. Wolfermann ist immer noch auf der Suche nach seiner Form von einst. Bei einem der jetzt modern gewordenen Interviews im Innenraum erklärte er psychologisierend die Gründe für seine schwachen Würfe. Ob er jemals wieder an den Triumph von Bonn und München, Weltrekord und Olympiasieg, anknüpfen kann?

Eine Leistung ragte am ersten Tag noch aus dem Meer des guten Mittelmaßes hervor. Die 8:25,0 Minuten im 3000-Meter-Hindernislauf von Karst, der ja nicht nur laufen kann, sondern auch eine sehenswerte Hindernis-Technik demonstriert.