Von Anatol Johansen

Acht Wochen lang muß insgesamt geschweißt werden, um Deutschlands jüngste Insel standfest zu machen. Weit draußen in der Nordsee, 75 Kilometer nordwestlich von Helgoland, ist am 8. Juni eine nicht weniger als 1500 Tonnen schwere Plattform auf ein Stahlrohrgestell aufgesetzt worden, das dort bereits im vergangenen Herbst montiert wurde. Doch noch bis Anfang August wird es dauern, ehe die „Forschungsplattform Nordsee“, die im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung und Technologie für 35 Millionen Mark entwickelt wurde, ihren vollen Betrieb aufnehmen kann.

Die langwierigen Schweißarbeiten sind durchaus verständlich, wenn man an die Warnungen der Meteorologen denkt, nach denen in der Nordsee Wellenhöhen bis zu 20 Metern und Windgeschwindigkeiten bis zu 150 Kilometern pro Stunde vorkommen.

Wieviel Trost den 14 Wissenschaftlern und den sieben Mann der Stammbesatzung bei solch ungünstigen Witterungsbedingungen die Tatsache spenden wird, daß ihre auf 50 Meter langen Stahlbeinen auf dem Meeresgrund ruhende Forschungsinsel bei ruhigem Wetter rund 25 Meter über dem Wasserspiegel aufragt, muß wohl abgewartet werden ... Immerhin hat die Nordsee auch schon schwere Bohrinseln zertrümmert, die von ihren Konstrukteuren so ausgelegt waren, daß sie den stärksten Stürmen trotzen sollten. Bei der „Forschungsplattform Nordsee“ aber müssen die Berechnungen stimmen, denn im Ernstfall kann sie bei Windstärke 12 weder ein Schiff noch ein Hubschrauber an Bord nehmen. Die einzige Rettung bliebe dann eine zur Ausrüstung der Station gehörende große rote, stählerne Rettungskapsel, die 28 Personen Platz bietet und von den Wellen nicht zertrümmert werden kann.

Was treibt Wissenschaftler dazu, sich fern der rettenden Küste einen Forschungsvorposten mitten ins Meer zu setzen? Einmal spielen sie mit ihrer Insel selbst Versuchskaninchen. Sie wollen erproben, welchen Belastungen eine solche Stahlkonstruktion unter den ungünstigen Witterungsverhältnissen durch Wind, Wellen und Strömungen ausgesetzt werden kann. Zu diesem Zweck wurde das Trägergerüst der Forschungsplattform mit Sensoren bestückt, die Zug- und Druckbelastungen genau messen. Dazu gehören Dehnungsmeßstreifen, die in den die Insel tragenden Stahlrohren untergebracht sind, sowie sogenannte Dehnungsmeßrosetten an den Knotenpunkten des Trägergerüstes. Ferner gibt es Beschleunijungsmeßpunkte und Strömungsmeßgeber, die genau angeben, wie sich das künstliche Bauwerk in schweren Stürmen verhält. Verraten die Meßwerte, daß die maximal zulässige Belastung der Forschungsplattform überschritten wird, so muß sich die Besatzung in ihre stählerne Rettungskapsel begeben.

Doch die ständige Überprüfung der Belastung der Forschungsinsel dient nicht nur der Sicherheit der Besatzung. Erstmals werden genaue Daten über die Beanspruchung einer solchen Konstruktion in schwerer See gewonnen, die dann in Zukunft auch zu allgemeingültigen Aussagen für die Konstruktion solcher Bauwerke führen dürften. Mit Hilfe dieser neuen Angaben könnten dann zum Beispiel auch Bohrinseln für die Nordsee in Zukunft besser konstruiert werden. heute möglich ist.

Wie wichtig die Festigkeitsmessungen auch für die Besatzung der Forschungsplattform Nordsee sein mögen – sie sind doch nur ein kleiner Teil des wissenschaftlichen Aufgabenprogramms dieser künstlichen Insel. Wichtiger für die Ozeanographen sind die geplanten automatischen Dauermessungen von Temperatur, Leitfähigkeit und Strömungen in verschiedenen Wassertiefen sowie Seegangsmessungen zur Verbesserung der statistischen Unterlagen über die Seegangsverhältnisse in der Nordsee. In diesen Bereich gehören auch die von der Forschungsinsel aus zu betreibenden Kontrollen der Luft- und Wasserverschmutzung. Selbst die Radioaktivität soll permanent überwacht werden. Die Dauererprobung einer für das wissenschaftliche Meßnetz der Nord- und Ostsee geplanten Großboje steht ebenfalls auf dem Programm. Auch als Wetterstation wird die Plattform Dienst tun mit Messungen der Windgeschwindigkeit, Windrichtung, Lufttemperatur, Luftdruck und -feuchte, Niederschlagsmenge, Sonnenscheindauer und anderen wichtigen Angaben. Dazu kommen Untersuchungen der maritimen Pflanzen- und Tierwelt. Um hier zu unverfälschten Ergebnissen zu kommen, wird von der Forschungsplattform keinerlei Abwasser in die Nordsee abgelassen.

Schließlich soll nicht verschwiegen werden, daß auch die Bundeswehr Interesse an der Nutzung der Insel angemeldet hat. Die deutsche Marine interessiert sich offenbar – wie die Flotten aller anderen Länder – für die Schallausbreitung unter Wasser und die Entwicklung verbesserter Sonargeräte zur Abwehr feindlicher U-Boote.