Von Hans Josef Steinberg

Thomas von der Vring: „Hochschulreform in Bremen. Bericht des Rektors über Gründung und Aufbau der Universität Bremen während seiner Amtszeit von 1970 bis 1974“; Europäische Verlagsanstalt Frankfurt-Köln 1975; 280 S., 22,– DM.

Zu sagen, daß die Hochschulreform in der Bundesrepublik seit geraumer Zeit stagniert, wäre euphemistisch. In Wirklichkeit muß sie als gescheitert angesehen werden. Sichtbarer Ausdruck dieses Scheiterns ist vor allem der beklagenswerte Niedergang der Hochschulrahmengesetzgebung, die vor gut einem halben Jahrzehnt so verheißungsvoll begonnen wurde. Heute bleibt jedem, dem an der Erhaltung des Status quo gelegen ist – von weitergehender Reform spricht schon niemand mehr – nur die Hoffnung, daß die Unionsparteien auf ihren Maximalforderungen beharren und damit ein Gesetz verhindern, das in seiner jetzigen Form nur Ausdruck dessen ist, daß die Bonner Koalition in Hochschulfragen von allen guten Reformgeistern verlassen zu sein scheint.

Die hochschulreformerischen Bestrebungen kulminierten zu Beginn der 70er Jahre im Bremer Modell, und das hat die junge Universität seitdem büßen müssen. In einer Kampagne, die ihresgleichen sucht, wurde sie als „rote Kaderschmiede“ verteufelt.

Vor wenigen Tagen hat nun die Bundestagsfraktion der CDU/CSU beschlossen, das Bundesverfassungsgericht wegen der angeblich verfassungswidrigen Drittelparität der Universität Bremen anzurufen, und es ist zu erwarten, daß wieder eine heftige Diskussion um dieses Modell entflammen wird. Deshalb trifft es sich gut, daß gerade jetzt der Bericht des ersten Rektors der Universität erschienen ist.

Dabei haut der Verfasser eingestandenermaßen über die Schnur, wenn es ihm darum geht, die Interessenökonomie der traditionellen Universität offenzulegen, um demgegenüber die Bremer Universität als demokratische Alternative vorzuführen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, daß auch das Bremer Modell Raum für Professoren bietet; die als „linke“ Ordinarien jenen Typus von Hochschullehrern repräsentieren, den von der Vring treffend charakterisiert und kritisiert.

Das Staunen darüber, daß es vor noch nicht allzulanger Zeit möglich war, das Bremer Experiment zu wagen, hat auch Thomas von der Vring erfaßt. Er erklärt die Existenz dieser Universität „mit bremischen Besonderheiten“, die gewiß darin begründet liegen, daß der Senat der Freien Hansestadt Bremen und die SPD-Bürgerschaftsfraktion stärker als andere die Einsicht in die Notwendigkeit umfassender Hochschulreform gewonnen hatten. Bleibt zu hoffen, daß diese Einsicht andauert angesichts der galoppierenden Restauration im Hochschulbereich.