Hannover: „Rainer Wittenborn“

Wittenborns ungewöhnlicher Erfolg erklärt sich wahrscheinlich aus der kühlen Perfektion, mit der politisch inhaltliche und ästhetisch formale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt und ausbalanciert werden. Seine Malerei stellt – innerhalb der engagierten Kunst – eine Alternative dar zu einer emotional aufgeheizten Protest- und Agitationsmalerei, etwa wenn Wittenborn am Beispiel der Indochinakriege die Folgen einer eskalierenden Technologie demonstriert. Auf seinen Bildern sieht man keine blutrünstigen Ereignisse, keine Erschießungen und Leichenhaufen, sondern beispielsweise eine Kraterlandschaft, Luftaufnahmen aus Vietnam und Photographien von der Mondlandung: „Destruction of a Country (Moon, Earth)“ 1973. Der Künstler in der Rolle des Historikers, der mit authentischem Material Zeitgeschichte dokumentiert. Das zweite Thema, das Wittenborn derzeit beschäftigt, ist die Ökologie des Amazonasbeckens, die durch die gewaltigen Straßenprojekte der Transamazonika gefährdet wird. Die Bilder und Zeichnungen der Serie „The Amazon Basin“ wurden durch einschlägige Artikel in der Tages- und Fachpresse angeregt, man kann sie im Katalog nachlesen. Karthographisches, ethnographisches Material wird zu Schautafeln zusammengestellt, die den Inhalt der Zeitungsartikel visualisieren. Die Wittenborn-Ausstellung zeigt auch das Dilemma einer mit ökologischen Problemen befaßten Malerei. Einerseits sind die Bilder auf den verbalen Kontext angewiesen, um sich verständlich zu machen. Auf der anderen Seite beanspruchen sie einen künstlerischen Eigenwert, der die inhaltliche Problematik ästhetisch kaschiert. (Kestner-Gesellschaft bis zum 17. August, Katalog 12,–Mark).

Krefeld: „Mark Tobey“

Ein „Rückblick auf harmonische Weltbilder“ heißt der Untertitel der weit über hundert Arbeiten umfassenden Ausstellung im Museum Haus Lange. Im Dezember wird Mark Tobey, der seit 1960 in Basel lebt, 85 Jahre alt. Die neuen Bilder unterscheiden sich nur unwesentlich von den Bildern, die er vor dreißig Jahren gemalt hat, als er die lyrische Abstraktion in Amerika initiierte, die auf Erfahrungen beruht, die Mark Tobey im Fernen Osten gemacht hat. Kalligraphie und Mystik hat er an der Quelle studiert, wobei das Kalligraphische und das Mystische nichts Gegensätzliches, vielmehr zwei Seiten der gleichen Sache darstellen. Man kann seine Bilder als subtile graphische Strukturen entschlüsseln oder als Straßenschluchten und Massenszenen. Das Stadtbild „Golden City“ von 1956 sieht da nicht anders aus als eine „Cosmic Scenery“ von 1970. Malerei als Einübung in die Meditation: Das ist nicht besonders zeitgemäß und durch drittrangige Künstler in Verruf geraten. Durch Tobey wird die meditative Dimension der Malerei wieder glaubwürdig. (Museum Haus Lange bis zum 3. August) Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Von Bembo bis Guardi – 80 Meisterwerke oberitalienischer Malerei“ (Staatliche Kunsthalle bis zum 14. September, Katalog 30 Mark)

Berlin: „Politischer Konstruktivismus“ (Neue Gesellschaft für bildende Kunst in der Akademie der Künste bis zum 27. Juli, Katalog 10 Mark)