ZDF, Mittwoch, 9. Juli: „Popp und Mingel“ nach einer Erzählung von Marie-Luise Kaschnitz, Regie Ula Stöckl

Noch immer fragen sie mich alle, wie das gekommen sei, neulich, am Abend vor Allerseelen, und warum ich das getan hätte“: Mit diesen Worten beginnt die Geschichte eines Schlüsselkindes, dessen Eltern berufstätig sind. (Kühlschrank und Musiktruhe sind abzuzahlen; außerdem macht es Mama Spaß, im Büro unter Menschen zu sein.) Eine von Marie Luise Kaschnitz verfaßte Geschichte, die durch das Wechselspiel von kindlicher Realität (Wurst im Eisschrank; Taschengeld ausreichend; im Alhambra an der Ecke ein jugendfreier Film) und kindlicher Traumwelt akzentuiert wird! Der allein gelassene Junge schafft sich in Gestalt des Fußballs Popp und der beinlosen Puppe Mingel ein Elternpaar, das freundlich und verständig ist, verwandelt das Schachpferd aus Elefantenzahn in einen Bruder namens Harr/ und sagt zum eingeschrumpften Luftballon: „Du bist meine Schwester. Du heißt Luzia.“ Eines Tages aber sind die Traumfiguren weg: beiseite geschafft von der Mutter. Da weiß der Junge: Es ist etwas zu Ende; ich bin kein Kind mehr; ich muß mich behaupten; ich habe keine andere Wahl – von nun an werde ich das gleiche tun wie die anderen Jungen, zum Beispiel Autoreifen aufstechen.

Ein Kind an der Grenze: zündet die Gasflammen an, freut sich an ihnen, weil sie hell und höchst lebendig sind; plötzlich geraten die Gardinen in Brand; das Kind beginnt zu schreien; dann beginnt die Fragerei: „Wie das gekommen sei und warum ich das getan hätte.“

Eine streng gebaute, in der Form eines Ringes strukturierte Geschichte, deren Besonderheit in der realen Traumwelt und der zweideutigen Realität liegt. Das Reich der Phantasie ist klar, das Reich der Wirklichkeit, erahnt, begriffen, geleugnet, ist ambivalent. („Oberhaupt habe ich nichts gegen meine Eltern, sie sind, wie sie sind, und ich mag sie gern.“)

Ganz anders der Film: Der Traum verkam zu vager Poesie (die Struktur der Phantasiefamilie wurde nicht deutlich: die vier Personen, Vater Fußball, Mutter Puppe, Bruder Schachpferd, Schwester Luftballon gewannen keine Identität); die Realität wurde in der Form eines naturalistischen Spektakels auf den Bildschirm gebracht: Alles klischeebestimmt und krud. Liebes Kind, böse Eltern. Der Junge pflegt das Mütterlein, das Mütterlein schickt ihn fort, um mit Vater die Liebe zu treiben: Der Junge ist noch nicht aus der Tür, da haben sie’s schon miteinander. („Wie ist’s mit’m Glas Wein jetzt?“ sagt Mama zu Papa mit lüsternem Schlafzimmerblick. Was kommen muß, kommt. Als der Junge heimkehrt, sind die Betten zerwühlt. Genüßlich verweilt die Kamera auf der zerknautschten Stätte der Lust.)

Nur bitte recht deutlich! (Er zu ihr: „Wer hat denn das verdammte Kind haben wollen?“) Nur immer vergröbert! (Auch im Sprachlichen: „Ich hatte Schwierigkeiten mit dem kleinen Einmaleins“, läßt die Autorin den Jungen sagen – in einer Erzählung der Kaschnitz.) So verhunzt man eine Geschichte; so beraubt man sie ihrer Pointe: der paradoxen Darstellung von Traum- und Wirklichkeitsreich.

Aber selbst das hätte noch durchgehen mögen, wenn die Bearbeiterin wenigstens konsequent gewesen wäre. Doch gerade das war sie nicht. Unerklärlich, daß Ula Stöckl dem Schluß der Geschichte (nach dem Durchbruch hört der Junge auf, ein Outcast zu sein, und wird zum Wolf unter Wölfen) ausgerechnet eine – von ihr erfundene – Szene vorausgehen ließ, in der das Kind – das übrigens älter sein müßte – zum erstenmal in der Wirklichkeit Liebe erfährt. Während das Erzählungsende höchst plausibel ist, da der Doktor, der den Jungen behandelt, zur fremden Welt der Inquisitoren gehört, nimmt sich das Finale im Film nahezu absurd aus: Hier ist der Arzt ein Freund, der vom Kind umarmt und geküßt wird ... eine Version, die mit Sicherheit ein anderes als das in der Geschichte vorgegebene Ende verlangt.

Was blieb, waren ein paar stimmungsvolle Sequenzen: Allen voran, präzise und graziös, das „Doktorspiel“ im ersten träumerischen Gegenentwurf des kleinen Jungen. Ansonsten: nicht genug Gedankenbemühung. Eine vieldeutige Geschichte, durch die Umkehr der Perspektiven, in einen Fall aus den Lehrbüchern der Psychoanalyse und Sozialpädagogik verwandelt.

Einspruch im Namen der Poesie. Momos