Kiel

Niemand ist den Kielern in Rostock vor Überschwang in die Arme gefallen, doch ein solides Stück sei man schon vorangekommen. Hans Joachim Barow, sozialdemokratischer Bürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt, ist Realist. Doch der Kommunalpolitiker war überrascht, wie "freundlich" die zeitweise von ihm geleitete Kieler Delegation in Rostock ("privat sogar herzlich") empfangen worden war.

Die Kieler waren während der Rostocker Woche ganz normale Gäste; zwei Wochen vorher war an der Förde eine Abordnung der mecklenburgischen Hafenstadt bei der Kieler Woche zu Gast. Seit zwei Jahren erst besuchen sich die Städte gegenseitig. Sie klopfen sich nicht auf die Schulter. Kommunaler Krampf ist hüben wie drüben noch vorhanden. Beide Seiten wissen das und stellen sich darauf ein. Dennoch blüht hier mehr als nur ein Mauerblümchen der deutschen Ostpolitik. Natürlich, so Bürgermeister Barow, könne man enttäuscht sein, wenn etwa die Kieler Gäste in Begrüßungsreden nur offiziell erwähnt werden, wenn sie auf der Ehrentribüne nicht in vorderster Reihe sitzen oder wenn sie auf das noch ausstehende Kulturabkommen zwischen beiden deutschen Staaten angesprochen werden. Im vergangenen Jahr hatte deshalb ein Blasorchester nicht nach Kiel kommen können.

Der Bürgermeister vermeidet daher bewußt, in dasselbe Horn zu stoßen wie der Kieler Stadtpräsident Ekhard Sauerbaum, der aus Rostock vorzeitig mit der vieldeutigen Erklärung abgereist war, der Empfang sei "höflich, teilweise auch freundlich" gewesen. Sauerbaum, zum erstenmal in Rostock mit dabei, hatte Kontakte mit der Bevölkerung vermißt. Andere Delegationsmitglieder indessen fanden neue Freunde – auch ohne Kulturabkommen. Bürgermeister Barow realistisch-bescheiden: "Der deutsch-deutsche Dialog klappt auch ohne formelle Partnerschaft."

Rainer Burchardt