Mit vierzehn von der Schule, mit neununddreißig in der Tour de France: Nie war Poulidor der Beste, dazu fehlten ihm Intelligenz und Talent. Mit Ausdauer und Wille hat dieser Sohn eines Knechts und selber Knecht – erst mit dreiundzwanzig vertauschte er die Mistgabel mit dan Rennsattel – über seine eigene Mittelmäßigkeit, zu der sich sein chronisches Pech gesellte, triumphiert. Schon als zehnjähriger Bengel wollte er unbedingt reich werden, "um viel Kuchen essen zu können", denn täglich kam er auf dem Schulweg an einer Bäckerei vorbei, und als einziger konnte er sich die ausgestellten Süßigkeiten nicht leisten. Aus Frustration wurde der bettelarme Poulidor Radrennfahrer.

Die strammen Schenkel bringen den über den Lenker gebeugten Landsknecht weit. Poulidor gewinnt erst bei den Amateuren und später bei den Professionals einige Rennen. Seine Persönlichkeit aber, seinen Mythos verdankt er jenem Mann, der ihn während Jahren ständig auf den zweiten Platz verwies: Jacques Anquetil, der erfolgreichste und zugleich unpopulärste Radprofi seiner Zeit, Seriensieger der Tour de France. Der intelligente Anquetil fuhr mit dem Kopf, Poulidor rannte mit seinem blindlings gegen die Wand – und hatte dabei den Beifall aller. Anquetil bezahlte seine Erfolge, die mehr berechnet, kalkuliert waren denn wirklich herausgefahren, mit den minutenlangen Pfeifkonzerten des Publikums, während Poulidor, der geschlagene Knecht aus der Provinz, von den Massen umjubelt wird. Als Anquetil sein Rennrad an den Nagel hängte, verlor Poulidor merklich an Profil – der Gegner, an dem er gewachsen war, fehlte nun. Es gelang ihm sogar, das Frühlingsrennen Paris–Nizza zu gewinnen. "Je sors de ma legende", sagte er am Ziel, und meinte damit: ich werde von meinem Trauma befreit. Er wußte selber nur zu gut, daß das nicht wahr sein konnte, nicht wahr sein durfte. Längst haben französische Psychologen nachgewiesen, daß Poulidor gar nicht siegen will. Nach Anquetil kam der übermächtige Merckx, und jetzt, an der Schwelle zum fünften Jahrzehnt, reicht es Poupou nicht einmal mehr für zweite Plätze. Es kann sogar vorkommen, daß das französische Fernsehen die Direktübertragung der Tagesetappen ausblendet, bevor Poulidor am Ziel eingetroffen ist. Vor wenigen Jahren noch hätte in solchen Fällen die Hälfte der Nation entrüstet die TV-Konzession gekündigt. Dennoch rennt Poupou nach wie vor auf staubigen Landstraßen und unter brütender Sonne seiner Fata Morgana nach, denn dies ist sein Schicksal. "Ich hätte Schwierigkeiten", bekennt er freimütig, "eine verantwortliche Stellung anzunehmen", und mit vierzig muß man als senkrechter Bürger mit Knechtsmoral schließlich noch arbeiten.

Während andere "Giganten der Landstraße" für Firmen wie Bic, Peugeot, Molteni, Saint-Raphael, für Hersteller von Mailänder Salami, Autos, Kugelschreiber oder Kaffeemaschinen in die Pedalen treten, leidet Poulidor seit eh und je für Gan-Mercier. Mercier, das ist eine typisch französische Marke, robust und treu. Ein solides Mercier-Rad bekommen junge Franzosen zur ersten Kommunion, damit fährt man zur Fabrik und aufs Feld, macht die sonntäglichen Ausfahrten, und manche Ehe im bäurischen Frankreich verdankt ihr Zustandekommen der Spazierfahrt zweier Mercier-Velos, welche man an eine Hecke angelehnt gefunden hat.

Wie alle Berufsfahrer ist Poupou eine radelnde Plakatsäule, jeder Quadratzentimeter seines Leibchens ist Geld wert. Es gehört zu ihrer hochentwickelten Ethik, daß die Pedaleure dies als Bestandteil ihrer täglichen Arbeit akzeptieren; wie im antiken Epos – und im Illustriertenroman – repräsentieren sie nicht sich selbst, sondern eine Idee, eine höhere Macht; ihre diesbezügliche Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit ist sprichwörtlich. Poulidor: "Man nehme die Menschen deswegen nicht für Maschinen oder Tiere. Sie werden behandelt, wie sie es verdienen. Ihre Menschenwürde verschwindet nicht hinter den Reklameaufschriften, der Sport bleibt intakt, ein Monument der Intensität und Reinheit."

Poulidors Markenname Mercier ist umflort von einer aufschlußreichen Semantik, die auf das Prinzip hinweist, dem auch die Piaf, Aznavour, Chevalier, Louis de Funès ihre Erfolge verdanken – Leute also, die den Durchschnitt der Nation verkörpern, absolut nicht unerreichbar und ebensowenig Ausnahmeerscheinungen sind. Darin erkennen sich die Franzosen, das ist die Möglichkeit, die man auch ihnen bietet, der ehrlich-redlich erarbeitete Erfolg. Poulidor als Sprachrohr der Nation: "Ich gehe meinem Beruf nach wie ein Arbeiter in der Fabrik. Ich habe nicht das Recht, diese zu verlassen – wissend, daß ich für das, was ich tue, bezahlt werde. Für Anquetil und Merckx ist das nicht anders."

Die Erde, die er einst beackerte, kauft er nun quadratkilometerweise auf: der verdiente Lohn seiner Mühen. Ohne Revolte und Rebellion hat er sich dem Willen der Götter unterworfen, sein Fatum auf sich genommen, hat gelitten wie kein zweiter – und ist von ihnen belohnt worden. Kuchen kann er sich nun kaufen, soviel’ er will, doch nach süßer Patisserie gelüstet ihn, der den bitteren Schweiß und die Tränen der Niederlage gekostet, nicht mehr: "Ich bin glücklich, wenn ich meine Töchter vor dem Bäckerladen herumstreichen sehe und sie all diese Süßigkeiten verschlingen dürfen."