Von Verena Stern

Singapur, im Juli

Pünktlich eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang trabt eine Kompanie Soldaten der Singapurer Armee durch stille Vorortstraßen. Schon immer kamen gelegentlich Rekruten in Marschformation durch das Viertel. Doch seit kurzem wird jeden Morgen Laufschritt angeschlagen, bei Sonne und Regen. Reserveleutnant Chang Yi weiß den Grund: "Bei der Armee von Singapur ging es immer ziemlich lässig zu. Doch seit Indochina kommunistisch ist, wurde der Dienst sehr verschärft."

Lee Kuan Yew, autoritärer Permierminister des Inselstaates mit seinen 2,2 Millionen Chinesen, Malaien und Indern, will Singapur vor Ansteckung bewahren. Der Regierungschef meinte nach dem Fall von Saigon: "Kommunismus, das ist wie die Pocken. Wenn ein Land Widerstandskräfte hat, wird es sich nicht anstecken, oder es erkrankt höchstens leicht." Lees Impfstoff gegen die roten Pocken: "Wirtschaftliches Wachstum, Fortschritt und gerechte Verteilung des Wohlstands." Für den Premier kommt die kommunistische Gefahr nicht von außen, sondern ausschließlich von sozialer Ungerechtigkeit im Innern eines Landes. Deshalb auch sein Urteil: "Die Dominotheorie, wonach der Fall eines Landes automatisch die andern mitreißt, ist alter Kohl."

Lees Nachbar, der Ministerpräsident von Malaysia, Tun Abdul Razak, sieht die Lage gleich, formuliert nur sein Urteil etwas diplomatischer: "So etwas wie die Dominotheorie gibt es nicht. Vietnam mag einigen Guerillas Auftrieb geben, aber ich glaube nicht, daß uns das gefährden kann."

Zwei Inseln des Wohlstands

Razak und Lee verlassen sich darauf, daß Malaysia und Singapur genügend innere Stabilität besitzen, um den indochinesischen Virus der Revolution abzuwehren. Ihr Optimismus ist nicht unberechtigt. Denn die beiden Staaten sind Inseln des Wohlstands im südostasiatischen Meer der Armut. Malaysia beherrscht den Weltmarkt von Naturkautschuk und Zinn, exportiert Palmöl und Edelhölzer und fördert sogar Teile seines eigenen Ölbedarfs aus dem Südchinesischen Meer. Mit einem Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt von 1150 Mark im Jahr leben die Malaysier weit über dem Niveau ihrer Nachbarn, stehen mit an der Spitze aller asiatischen Staaten. Gute Schulen, Gesundheits- und Sozialfürsorge, exzellente Infrastruktur und mäßige Korruption haben das Land auf einen in der Region unerreichten Entwicklungsstand gebracht.