Von Leona Siebenschön

Viele fürchteten, daß der Aufbruch ins Reich der erotischen Freiheit direkt ins Sittenchaos führe. Sie warnten, daß mit Pille und Aufklärung die blanke Anarchie hereinbräche und sexbesessene Weibsteufel unser Land in ein einziges Freudenhaus verwandelten. Die Warner sind verstummt. Die Katze auf dem heißen Blechdach läßt offensichtlich das Mausen und wärmt sich ihr Fell am heimischen Herd.

Denn wo, bitteschön, sind die angesagten Lustgeschöpfe? Wo die enthemmten Reihenhäuslerinnen oder die kundigen Kreuzfahrerinnen, die ihrem Notstand eine Kasse öffnen mit Kurs auf Kreta? Wo sind die Scharen hungriger Junggesellinnen? Entfesselung der Hochhaus-Eva hatten Soziologen jenen Prozeß genannt, der im Gefolge von Pillenkonsum und Tabu-Entrümpelung angeblich bevorstand; weil doch, wie eine Männermehrheit wähnte, "die Pille weibliche. Wesen leichtsinnig" mache.

Dem Leichtsinn wurde nunmehr nachgegangen. Alice Schwarzer befragte die "Wesen". Eine Antwort, die ihr gegeben wurde: "Der schlimmste Terror ist für mich dieses Immer-miteinanderschlafen-müssen", so eine 33jährige Lektorin, ledig, fest liiert, den Terror lustlos erduldend: "Er steht da unter einem unheimlichen Leistungsdruck"; sie nicht; aber sie schweigt; sie will ihren Freund nicht verlieren.

"Das Schlimmste an der Ehe" war für eine 52jährige Kauffrau, seit 13 Jahren geschieden, "eigentlich immer nur die Sexualität", von der eine 21jährige Studentin sagt: "Ich sehe es einfach nicht mehr ein, warum ich etwas machen soll, wovon ich nichts habe."

Kein Wort von befreiter Lust, von Orgasmus kult und nymphomanischer Wilddieberei. Statt dessen bekunden die befragten Frauen einen gewissen Abstand zu den Dingen, gar Abneigung oder Abstinenz, weil die eheliche Pflicht für sie nur eine Pflicht ist. Was ihnen wichtig, lästig, zu viel oder zu wenig ist, welchen Stellenwert Sexualität in ihrem Leben hat, gaben sie, die aus den unterschiedlichsten Schichten und Altersklassen stammen, zu Protokoll.

Alice Schwarzer wird diese Tonbandprotokolle samt Kommentar und Material zur Sache im August als Buch vorlegen. (Alice Schwarzer: Der "kleine Unterschied" und seine großen Folgen. Frauen üben sich. Beginn einer Befreiung. S. Fischer Verlag, 192 Seiten, DM 14,80.) Normalität war, wie sie erklärt, das Hauptkriterium bei der Auswahl der beteiligten Personen; sie sollten das Alltägliche widerspiegeln, nicht die extreme Situation.