Von Karl-Heinz Janßen

Brautpaaren wurde das Buch auf dem Standesamt überreicht: Adolf Hitlers "Mein Kampf", eine fast 800 Seiten dicke Volksausgabe in einem Band, schwarz eingebunden wie die Bibel. Jede deutsche Familie, auch die ärmste, sollte das Buch besitzen. Aber zöge heute jemand durch die Lande und fragte die Deutschen über 45: "Haben Sie ‚Mein Kampf‘ gelesen?", die meisten müßten gestehen, daß sie allenfalls mal darin geblättert haben. Dieser oder jener hat vielleicht einige Kapitel bewältigt – mit Mühe und Widerwillen, denn der Stil des Buches ist abschreckend, schwülstig und unklar, dazu in einem schlechten, ja falschen Deutsch: Von der ersten bis zur letzten Zeile hat es – nach dem Kriege – wohl nur ein Deutscher gelesen: der Hitler-Forscher Werner Maser, der auch alle verschiedenen Auflagen und deren Änderungen verglichen hat. In seiner 1966 veröffentlichten Monographie über "Entstehung, Aufbau, Stil, Änderungen, Quellen, Quellenwert" von "Mein Kampf" befand er, Hitlers Buch sei "ein unmißverständliches und differenziertes Programm des schrecklichen Unheils" gewesen, das 1933 über Deutschland und 1939 über die übrige Welt hereinbrach.

Wie konnte ein Autor, der auf vielen Seiten verkündete, daß er das deutsche Volk einer Diktatur unterwerfen, einen Eroberungskrieg vom Zaune brechen und das jüdische Volk ausrotten wolle, wie konnte dieser Mann jemals an die Macht gelangen, wie konnten ihm sechs Millionen Wähler ihre Stimme geben, wie konnte später fast das ganze Volk ihm zujubeln? Sollte der Kulturkritiker Hermann Glaser recht haben, der gemeint hat, "Mein Kampf" sei so erfolgreich gewesen, "weil es überhaupt nicht mehr gelesen werden mußte"? Denn, so Glaser, "Lebensgefühl und Weltanschauung" sehr vieler Deutscher stimmten mit Hitlers Programm von vornherein überein. Nehmen wir einmal an, daß jeder Besitzer des Buches zumindest die erste Seite des ersten Kapitels ("Im Elternhaus") angelesen hat, so haben Millionen Deutsche gewußt, daß Hitler den Krieg wollte (was ihm Kommunisten und Sozialdemokraten in den Reichstags- und Reichspräsidenten-Wahlkämpfen vor 1933 in der Tat unterstellten).

Hitler erzählt gleich zu Anfang, er sei in Braunau am Inn geboren, also "an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint". Nun, das mochte noch hingehen: Der Anschluß Deutschösterreichs an das Bismarck-Reich, der unerfüllte Traum von 1918/19, wurde von Sozialdemokraten und von Konservativen erstrebt – auch wenn sie dieses Ziel sicherlich nicht, wie Hitler, "mit allen Mitteln" erreichen wollten.

Auf den Spuren Ludendorffs

Ein paar Zeilen weiter richtet Hitler aber den Blick schon auf ganz andere Ziele: "Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot." Selbst wer diese unsauber formulierten Sätze eng auslegt, wird nicht bestreiten können, daß Hitler nach einer Wiedervereinigung mit Österreich eine Situation für denkbar hält, in der Deutschland keine andere Wahl mehr hätte, als sich den fehlenden "Lebensraum" zu erobern.

Im zweiten Band von "Mein Kampf" läßt Hitler dann die Katze aus dem Sack: Als Hauptziel nationalsozialistischer Außenpolitik bezeichnet er es, "unser Volk und seine Kraft zu sammeln zum Vormarsch auf jener Straße, die aus der heutigen Beengtheit des Lebensraumes dieses Volk hinausführt zu neuem Grund und Boden", und er nennt auch die neuen deutschen Kolonien beim Namen: "Rußland und die ihm Untertanen Randstaaten." Diese Aufgabe schreckte ihn 1926 so wenig wie 1941, denn nach seiner Prognose war "das Riesenreich im Osten ... reif zum Zusammenbruch".

Leser aus dem bürgerlichen Lager, wie der Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht oder der Reichstagsabgeordnete Theodor Heuss, hielten diese Aussagen für Phantastereien, die man nicht ernst zu nehmen brauchte, weil Hitler seine Eroberungspläne an eine scheinbar unerreichbare, unvernünftige Voraussetzung geknüpft hatte: Deutschland sollte sich zuvor mit Großbritannien und Italien verbünden, um den "Erbfeind" Frankreich zu isolieren und in einem Revanchekrieg niederzuwerfen.

Anderen Lesern wird das Ganze nicht gar so phantastisch vorgekommen sein: Hitler wandelte doch nur auf den Spuren des von ihm bewunderten Feldherrn Erich Ludendorff, seines Putschgenossen am 9. November 1923 und Mitangeklagten im Hochverratsprozeß. Der Generalquartiermeister hatte nach dem Frieden von Brest-Litowsk im Frühjahr 1918 als erster die deutschen Divisionen in Marsch gesetzt, um die Kornkammern der Ukraine und die Ölfelder am Kaukasus dem deutschen Weltreich einzuverleiben.

Dieser im Ersten Weltkrieg verlorengegangenen deutschen "Weltmacht" trauerten so manche Generäle, Admiräle, Wirtschaftsführer und Professoren nach. Hitler rührte an ihre geheimsten Gedanken, wenn er – ungeschützt und undiplomatisch – die Gründung eines neuen deutschen Weltreiches proklamierte. Wer 1914 den Weltkrieg riskiert hatte – aus Verzweiflung oder Verblendung – und vier Jahre lang dem Phantom deutscher "Weltmacht" nachgejagt war, dabei wissentlich die Existenz von Reich und Volk aufs Spiel setzend, dem konnte auch jene Alternative nicht so fremd sein, die Hitler in "Mein Kampf" mit der Unbekümmertheit eines Vabanquespielers vortrug: "Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein."

Hitler und seine Anhänger waren sich mit den ehemals herrschenden Schichten des wilhelminischen Reiches auch darin einig, daß der Wiederaufstieg zur Weltmacht mit den staatstragenden Parteien der Weimarer Republik nicht bewerkstelligt werden konnte. Große Teile des deutschen Volkes, vor allen die Klein- und Großbürger, Intellektuelle, Jugendliche, die unbeschäftigten ehemaligen Frontsoldaten, standen der Republik feindlich gegenüber. Hitlers Haßtiraden gegen Demokratie und Parlamentarismus bestätigten alle Vorurteile der Gleichgesinnten, und die spärlich gesäten Demokraten im Lande konnten sich leicht ausmalen, was ihnen bevorstand, wenn die Nationalsozialisten jemals an die Macht kämen.

Haßtiraden gegen die Demokratie

Bezeichnend für die politische Gesinnung der deutschen Justiz in jenen Jahren ist, daß kein deutscher Richter es für nötig befand, gegen ein Buch vorzugehen, worin die demokratisch-parlamentarische Staatsform und deren Repräsentanten verhöhnt und verleumdet wurden. Demokratie war für Hitler gleichbedeutend mit "Jämmerlichkeit, Murkserei, Verfall, Dummheit, allgemeiner Verlogenheit und Betrügerei"; die Demokraten beschimpfte er als "zusammengebeulten Haufen, zwergenhafte Lederhändler, Tröpfe, blöde Nichtskönner, Schwätzer, Strauchdiebe, Spießgesellen, elende Charaktere, Jämmerlinge, feige Lumpen, Kreaturen, Unfähige, Nullen, Schieber, Nichtswisser, Nichtskönner, ebenso beschränkte wie eingebildete und aufgeblasene Dilettanten".

Originell war diese Art der Politikerbeschimpfung nicht – originell war nur die Selbstherrlichkeit, mit der sich Hitler seinen Anhängern und dem ganzen Volk als lichtvolle Gegenfigur empfahl, als Heiland und Messias, der Deutschland vom Marxismus befreien werde. Er empfahl sich als Fortsetzer einer Tradition, die mit Bismarcks Sozialistenverfolgung begonnen hatte; von Kaiser Wilhelms "vaterlandslosen Gesellen" bis zu Hitlers "Novemberverbrechern" führte ein gerader Weg. Über die Niederträchtigkeit von Hitlers Satz "Sowenig eine Hyäne vom Aase läßt, so wenig ein Marxist vom Vaterlandsverrat" müßte man heute gar kein Wort mehr verlieren, gäbe es nicht auch in der Bundesrepublik Pamphlete, in denen führende Sozialdemokraten mit ähnlichen Gemeinheiten bedacht werden.

"Mein Kampf" ist eben kein publizistischer Sonderfall, er ist ein ureigenes deutsches Produkt. Als "Spießer-Spiegel" hat Hermann Glaser dieses Buch treffend charakterisiert, worin all das enthalten war, was ungezählte "kleinbürgerliche Traktätchenverfasser" im 19. und 20. Jahrhundert verbreitet hatten: "abgründige Gemeinheiten, breitgetretener Wortquark, in schiefe Metaphern geschlagene Ressentiments, endlose Tiraden, rhetorisch aufgeschminkte Platitüden und eine penetrante ‚Kunstsinnigkeit‘." Hitler füllte Seiten mit nationalem Kitsch, doch störte es die Deutschen kaum, weil dieses verlogen-schwülstige Pathos ihnen aus den Schullesebüchern vertraut war; Hitler intonierte nur, was einst Fichte, Körner, Arndt, Kleist, später die Barden der Paulskirche und des Bismarck-Reiches komponiert hatten.

So wie Hitler im August 1914 beim Ausbruch des Weltkrieges, empfanden unzählige junge Deutsche: "Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, daß ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen." Und in diesem romantischen Überschwang ging es dann hinaus ins Feld: "Zum ersten Male sah ich den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden."

Diese offensichtlich vorformulierte, gefühlsüberladene Passage hätte man in jenen kleinen Kreisen, die Hitlers Buch streng nach literarischkünstlerischen Maßstäben beurteilten und für nichtig befanden, wohl als verzeihlich durchgehen lassen, wäre das ganze Buch in diesem vergleichsweise flüssigen und lesbaren Stil abgefaßt worden. Aber Hitlers "Mein Kampf" ist durchweg ungenießbare Lektüre, ist papiergewordene Propagandarede. Wie in den Bierkellern und Zirkusversammlungen überkam es ihn auch in der Festungszelle: Er schwadronierte drauflos und hielt seinen gläubig staunenden Genossen endlose Monologe. Kapitel um Kapitel diktierte er während der Landsberger Festungshaft seinem Chauffeur, später auch seinem Sekretär Rudolf Heß, der sich, zusammen mit seiner Frau, daran machte, die Manuskripte stilistisch zu überarbeiten. Doch der Respekt vor dem "Führer" war schon viel zu groß, Hitlers Eigensinn viel zu stark, als daß Heß und andere Lektoren das Werk von mißverständlichen Schachtelsätzen, von falschen Bildern, von ermüdenden Wiederholungen, von übermäßigen Füllwörtern zu befreien gewagt hätten.

Kein Redakteur einer Lokalzeitung hätte einem Autor solche Sätze durchgelassen, wie sie in "Mein Kampf" Hunderte von Seiten bedecken. Aber hätte sich Hitler redigieren lassen, so wäre rasch offenbar geworden, daß hier ein im Leben Zukurzgekommener seine Halbbildung und seinen Neid auf die Intellektuellen hinter einem Wust von oft nichtssagenden Substantiven zu verbergen trachtete. Das Buch hätte viel kürzer ausfallen können, wie das folgende Beispiel belegt:

Hitler schreibt im 13. Kapitel über die deutsche Bündnispolitik: "War vor dem Kriege die Aufgabe einer deutschen Außenpolitik die Sicherstellung der Ernährung unseres Volkes und seiner Kinder auf diesem Erdball durch die Vorbereitung der Wege, die zu diesem Ziele führen konnten, sowie die Gewinnung der dabei benötigten Hilfskräfte in der Form zweckmäßiger Bundesgenossen, so ist sie heute die gleiche, nur mit dem Unterschied: Vor dem Kriege galt es, der Erhaltung des deutschen Volkstums zu dienen unter Berücksichtigung der vorhandenen Kraft des unabhängigen Machtstaates, heute gilt es, dem Volke erst die Kraft in der Form des freien Machtstaates wiederzugeben, die die Voraussetzung für die spätere Durchführung einer praktischen Außenpolitik im Sinne der Erhaltung, Förderung und Ernährung unseres Volkes für die Zukunft ist."

Ohne Alternativen

Unter dem Rotstift eines Redakteurs wäre daraus etwa folgender Satz geworden: "Vor dem Kriege mußte die deutsche Außenpolitik die Ernährung des Volkes sichern und Bundesgenossen gewinnen. Das ist auch heute ihre Aufgabe, mit dem einen Unterschied: Damals war Deutschland eine unabhängige Großmacht, heute muß es erst noch frei und mächtig werden." Auch in dieser verkürzten Form klingt der erste Satz harmloser, als er gemeint ist: Das Auswärtige Amt soll nämlich gar nicht die Volksernährung sichern (dafür genügte ja das Landwirtschaftsministerium), sondern es soll einen Eroberungskrieg diplomatisch vorbereiten. Ein paar Seiten weiter spricht Hitler denn auch von der "waffenmäßigen Vorbereitung für eine Erwerbung von Grund und Boden in Europa".

Theodor Heuss hat angeregt, "Mein Kampf", mit Kommentaren versehen, neu aufzulegen, um das Volk von neonazistischen Umtrieben zu bewahren. Noch besser wäre, an Beispielen dieses Buches in den Schulen schlechtes Deutsch anzuprangern. Wer die Hohlheit und den falschen Schein dieses Stils entlarvt, lehrt zugleich ein Stück politischer Bildung: wie Sprache als Herrshaftsinstrument mißbraucht wird, wie Sprache als Propagandamittel manipuliert werden kann. Kabarettisten und Parodisten haben sich einen Spaß daraus gemacht, die Lächerlichkeiten Hitlerscher Sprache aufzuzeigen ("Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen" – "Verpestung durch Negerblut" – "Versyphilitisierung des Volkskörpers"). Hitlers Argument gegen die Vermischung menschlicher Rassen lautet so: "Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw."

Wenn Lächerlichkeit tötete, hätte Hitler keine Rezension seiner Gegner überlebt. Doch für die ihm verhaßten Intellektuellen hatte er sein Buch nicht geschrieben; es konnte ihm nur recht sein, wenn hochmütige Literaten ihn als Pseudowissenschaftler belächelten, ihn als bloßen Trommler, als ahnungslosen Zutreiber und Agenten anderer, mächtigerer Kräfte verkannten. Welch furchtbarem Irrtum erlag ein Kurt Tucholsky, als er über Hitler schrieb: "Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht."

Hitler wandte sich an die Massen, deren Unbildung er verachtete, deren Kraft er benötigte, um die Macht im Staat zu erkämpfen. Jenen Deutschen, die nach verlorenem Krieg und in den Wirtschaftskrisen sich nicht mehr zurechtfanden und deren Ängste Und Aggressionen er auf den jüdischen Sündenbock ablenkte, wollte er eine Lehre, eine Weltanschauung zur Hand geben, an die sie glauben konnten und die sie wieder hoffen ließ. Um den Massen zu imponieren, kleidete er sich in das Gewand der Unfehlbarkeit.

Die des Denkens unkundigen Menschen durchschauten seine Tricks nicht. Unbewiesene Behauptungen setzte er als Prämissen, auf denen er logische Konstruktionen aufbaute, die in Scheinwahrheiten gipfelten, Umstandswörter wie "endlich, planmäßig, zwangsläufig" sollten seiner Lehre die unumstößliche Gewißheit eines Naturgesetzes verleihen, und wo sie nicht ausreichten, bemühte er die "Vorsehung", das "Schicksal", den "Allmächtigen". Einwände läßt er nicht gelten, auch gar nicht erst aufkommen, indem er unentwegt Alternativen an die Wand malte, die eine andere Wahl als die von Hitler vorgeschlagene gar nicht mehr zuließen; es gab nur schwarz oder weiß, nur gut oder böse, nur stark oder schwach.

Die Sprache lebt weiter

Hitler hielt sein Publikum offensichtlich für so unbedarft, daß er ihm unverblümt auseinandersetzen konnte, wie er die Massen mit seiner Propaganda an der Nase herumführte: "Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag." – "Für die Intelligenz ... ist nicht Propaganda da, sondern wissenschaftliche Belehrung." – "Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Tatsachen, Vorgänge, Notwendigkeiten." – "Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt." – "Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, um so durchschlagender der Erfolg."

Ein Volk, das sich solches bieten ließ, hat sich selbst das schlechteste Zeugnis seiner demokratischen Reife ausgestellt. Im Jahre 1942 hat Hitler im vertrauten Kreise den Zynismus seiner (auch heute noch lesenswerten) Kapitel über Propaganda noch überboten: "Was für ein Glück für die Regierungen", rief er aus, "daß die Menschen nicht denken." Zu diesem Zeitpunkt wandelte das deutsche Volk auf den Bahnen entsetzlichster Verbrechen. Aber kein Leser von "Mein Kampf" hätte sich nach 1945, als die Untaten auch dem deutschen Volk bekannt wurden, darüber wundern dürfen, denn fast auf jeder Seite ist, bis zum körperlichen Unbehagen, der grenzenlose Haß des Autors, seine Gewalttätigkeit, seine Rachsucht, ja seine Mordlust zu spüren.

"Was der Himmel auch mit uns vorhaben mag, schon am Visier soll man uns erkennen", schreibt Hitler mit ebenso selbstgewissem wie drohendem Unterton. Man lese nur, welches Schicksal er den Funktionären der deutschen Sozialdemokratie zugedacht hatte: "Es wäre die Pflicht einer besorgten Staatsregierung gewesen, ... die Verhetzer dieses Volkstums unbarmherzig auszurotten." Juden (aber auch anderen Gegnern) spricht er einfach das Menschsein ab – die Wahl seiner Wörter legt schon das Verfahren nahe, das er auf sie angewandt wissen will: "Polypen, Drohnen, Ratten, Parasiten, Schmarotzer, schädliche Bazillen, Ungeziefer, Blutegel, Vampire, Bazillenträger, Scheusale, Pestilenz."

Sogar die Gaskammern hat er in seinem Buch vorweggenommen; es bleibt unerfindlich, daß so mancher gläubige Leser von "Mein Kampf" gerade diese Stelle, an der sich Hitler über die versäumte Abrechnung mit dem Marxismus (sprich: Judentum) beklagt, überlesen haben will: "Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen."

Wir sollten es nicht mehr nötig haben, noch länger an das Märchen zu glauben, "Mein Kampf" sei ein wirkungsloses, weil ungelesenes Buch gewesen. Sein Gedankengut wurde durch Tausende und Abertausende von Propagandarednern, Parteijournalisten, Schulungsleitern unters Volk gebracht, umgegossen in vielfältige Formen wie Schulungsbriefe, Wochensprüche, Propagandabroschüren, Zeitungsartikel, Lesebücher. Die Lingua Tertii Imperii, wie Victor Klemperer die Sprache Hitlers genannt hat, "bemächtigte sich aller öffentlichen und privaten Lebensgebiete".

Wer genau hinhört, wird noch heute Wortfetzen dieser "Sprache des Unmenschen" aufspüren: bei Wahlrednern, Funktionären, Beamten, Festrednern. Und zuweilen verfallen Parteipolitiker und Regierende in die Angewohnheit zurück, politische Gegner, Andersdenkende und unbequeme Minderheiten als minderwertig, geisteskrank, verbrecherisch, schmutzig, tierisch – kurzum: als Untermenschen zu diffamieren und zu degradieren. Brechts Mahnung bleibt beherzigenswert: "So was hätt’ einmal fast die Welt regiert! / Die Völker wurden seiner Herr, jedoch / Daß keiner uns zu früh da triumphiert – / Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!"