Von Erwin Lausch

Warum treten schwere Erdbeben nur in eng begrenzten Gebieten der Erde auf? Warum speien nur in bestimmten Regionen Vulkane glühende Lava?

Welche Bedeutung haben die bis 11 000 Meter tiefen Meeresgräben, die unmittelbar vor den Küsten von Kontinenten oder vor Inselketten die tiefsten Stellen der Weltmeere bilden? Was hat es mit den mächtigen unterseeischen Gebirgszügen auf sich, die – Zehntausende von Kilometern lang – die Weltmeere durchziehen? Und auf den Kontinenten: Gibt es Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Hochgebirge der Erde verteilt sind? Auf welche Weise sind die Gebirge entstanden?

Seit wenigen Jahren erst lassen sich diese und andere grundlegende Fragen über die Erde, auf der wir leben, beantworten. Wie bei einem Puzzlespiel, das plötzlich aufgeht, scheinen sich zahlreiche Beobachtungen, für die die Erdforscher lange Zeit nur umstrittene Erklärungen fanden, zu einem geschlossenen Bild zu verbinden. Über dieses "neue Bild der Erde" schrieb Hans Georg Wunderlich sein letztes Buch:

Hans Georg Wunderlich: "Das neue Bild der Erde – Faszinierende Entdeckungen der modernen Geologie"; Hoffmann und Campe, 1975; 367 S., 34,– DM.

Wunderlich, der im vergangenen Jahr starb, 46jährig, war Professor für Geologie in Stuttgart. Erdwissenschaftliche Beobachtungen hatten ihn zu seiner aufsehenerregenden Umdeutung der Minoischen Paläste Alt-Kretas geführt: Aus Stätten frühzivilisierter Lebenslust wurden Massengrüfte. Der Bestseller, zu dem seine Darstellung der minoischen Kultur geriet ("Wohin der Stier Europa trug"), fiel quasi als Nebenprodukt seiner beruflichen Interessen ab. Der Inhalt seines letzten Buches hingegen, dessen Erscheinen Wunderlich nicht mehr erlebte, deckt sich direkt mit seinem Arbeitsgebiet als Geowissenschaftler.

Das neue Bild der Erde verdanken wir vor allem dem Konzept der Plattentektonik, der Vorstellung, daß die gesamte Erdoberfläche, Festländer ebenso wie Meere, aus großen und kleinen Platten bestehen, die sich – getrieben von mächtigen Kräften im Innern der Erde – ständig gegeneinander verschieben. Die Platten wachsen an den unterseeischen Gebirgsrücken nach, aus deren Kämmen Lava aufquillt, und sie kehren in den Tiefseegräben ins Innere der Erde zurück. Nicht nur die unterseeischen Gebirgsrücken und die Tiefseegräben, sondern auch Erdbeben, Vulkanausbrüche und Hochgebirge markierten Plattengrenzen. So erhebt sich der Himalaya, wo einst der von Süden anrückende indische Subkontinent auf die Eurasische Platte prallte.