Ist Woyzeck ein Mörder? Hat Johann Christian Woyzeck, als er die Chirurgen-Witwe Johanna Christiane Woost erstach, vorsätzlich getötet, und zwar aus niedrigen Beweggründen, auf heimtückische, grausame oder gemeingefährliche Weise? Was war es, das den Perückenmacher und Soldaten dazu brachte, plötzlich ein Messer zu ziehen und zuzustechen? Vorsatz? Wahnsinn? Irrtum? Affekt?

Falsche Fragestellung, sagt das neue kritische Bewußtsein: Wichtig ist, was diese arme Kreatur in den Vorsatz, Wahnsinn, Irrtum oder Affekt trieb – die Anlagen, Sehnsüchte, Wünsche, Triebe; die Lebensumstände, Armut, mangelnde Bildung, falsches Moralbewußtsein; die Umwelt, ihre verlogenen Tugendlehren, die inhumane Priorität ihrer Ellbogen, das skrupellose Spiel der Mächtigen; die nackte Angst.

Die Antworten mochten auf den historischen Johann Christian Woyzeck zutreffen – aber gelten sie noch für Büchners Dramenfigur? Gar für den Wozzeck in Alban Bergs Oper? Hansgünther Heyme, Schauspiel-Regisseur, Direktor des Kölner Sprechtheaters, der jetzt in Nürnberg als Opernregisseur debütierte – dort ist man auf den Geschmack an Außenseitern gekommen, seit Hans Neuenfels mit einer „Troubadour“-Inszenierung seinen Namen unter die Leute, die Leute ins Theater und das Theater in die Presse brachte – Heyme mißtraut allen und Berg im besonderen: „Wenig kam es ihm auf Stände, auf Klassen, auf Lohnabhängigkeiten an, mehr auf ein grundsätzliches Leiden unter naturgegebenem Chaotisch-Brutalen.“ Das eigentliche Versagen aber: Berg beschrieb nur „feinsinnig, hochmusikalisch auf dem ästhetisch hochmöglichsten Grad: das Schicksal seiner Welt im ‚Wozzeck‘ und verpaßte die revolutionäre Situation“.

Also, ist zu vermuten, wird Heyme das Verpaßte nachholen und wenn nicht Berg, so doch sich und den „Wozzeck“ für die revolutionäre Situation gewinnen? Gemach.

Es beginnt mit einem Vorspiel, Heyme selber spricht lesend in einem halbstündigen Fast-Monolog das von Gerhard Kelling rekonstruierte und dramatisierte Untersuchungsverhör durch einen karrieresüchtigen Medizinprofessor, der einen angestrengten Freispruch Woyzecks – Straffreiheit wegen Unzurechnungsfähigkeit – auf der Basis folgender Theorie verhinderte: zu hoher Blutdruck, Blutstau in Kopf und Geschlechtsorgan, dadurch starke sexuelle Erregung, nach mißlungenem Coitusversuch Ersatzbefriedigung durch tödlichen Messerstich. Ist das schon eine revolutionäre Situation? Kommt es hier endlich auch auf Klassen an?

Aber dieser suggestive Inquisitions-Amoklauf des Wissenschaftlers machte immerhin etwas deutlich: die Skrupellosigkeit und Blindheit der Mächtigen auf der einen, die hoffnungslose Situation des Opfers auf der anderen Seite, das zwar den animalischen Anlauf zur Selbstbefreiung macht, indem es den peinigenden Frager zu erwürgen versucht, aber vergebens – die Aktion ist weder durchdacht noch konsequent zu Ende geführt, sie scheitert.

Diese Vivisektion des Woyzeck durch den publizitätsgeilen Mediziner übernimmt Heyme als theoretischen Ansatz für seine „Wozzeck“-Inszenierung. Was zunächst als Verlorenheit signalisierende hohe graue Fabrikhalle anmutet (Bühnenbild: Frank Schuhes), erweist sich nach und nach als skurriler Operationsraum eines imaginären sadistischen Anatomen: Wann immer etwas bloßgelegt wird von den Nervensträngen und Gehirnwindungen der Gebeutelten, wird eine dunsthaubenartige Kliniklampe über das Spielpodest auf der Bühne heruntergefahren. Daß das Knattern der Aufzugkurbel in Bergs musikalisch nicht ganz unwichtigen Zwischenspielen empfindlich stört, konnte der auf der Musikbühne unerfahrene Heyme nicht ahnen.