Dortmund: „Tom Phillips“

Erstaunlich, daß die deutschen Aussteller sich den Engländer bisher haben entgehen lassen. Eugen Thiemann hat diese Kollektion auf ihrer Reise von Den Haag nach Basel kurzfristig ins Dortmunder Museum, dirigiert, ein Glücksfall für das bundesrepublikanische Kunstprogramm, vergleichbar mit der Hamburger Peter-Blake-Premiere vor zwei Jahren. Tom Phillips ist noch universaler, noch exzentrischer in seiner intellektuellen Neugier, die ihn durch die Zeit- und Kunstgeschichte jagt, immer ablenkbar und zugleich von einer unglaublichen Hartnäckigkeit, wenn es gilt, jahrelang an irgendeinem Zufallsfund zu arbeiten. Aus einem verstaubten Trivialroman macht er das Werks-Stück „A Humument“, in dem nach gut surrealistischer Manier verborgene Bedeutungen ans Licht gebracht werden. Nach der Postkarte einer Galerie mit alten Meistern malt er die abgebildeten Gemälde in natürlicher Größe mit Rahmen und verblaßter Tapete, die Wand mit den zehn conjectured pictures mißt mehr als fünf mal fünf Meter im Quadrat. Das Requiem von Brahms wiederum wird in eine Folge von zwölf subtil gemalten Aquarellminiaturen nach Raffael und Terboch und alten Ansichtskarten transportiert. Auf einem Monumentalgemälde von 1973 ist die „Berliner Mauer mit deutschem Gras und Himmel“ zu sehen, kein politisches und kein realistisches, ein unheimlich schönes Bild. (Museum am Ostwall bis zum 3. August)

Düsseldorf und Duisburg: „Norbert Kricke“

Zwei Museen (und die Galerie Denise René/Hans Mayer) haben Norbert Kricke die Jubiläumsschau zum 50. Geburtstag ausgerichtet. Duisburg hatte den dankbareren Part übernommen, den Rückblick nämlich auf ein Werk, das bereits in den fünfziger Jahren die verdiente internationale Anerkennung gefunden hat. Auch wenn die wichtigsten Arbeiten, die Groß- und Freiplastiken, nicht dabei sein können: schon im Kleinformat und am Modell wird die expansive, raumgreifende Energie erkennbar, die sich in Strahlenbündeln und frei kurvenden Spiralen äußert und der Plastik eine Vielfalt neuer Wege geöffnet hat. Dann, um 1970, hat Kricke eine Pause eingelegt. Seit 1975 arbeitet er wieder, ein Teil der neuen Arbeiten ist in Duisburg, die meisten sind in der Düsseldorfer Kunsthalle zu besichtigen, und sie machen den Verehrern und Interpreten des Bildhauers schwer zu schaffen. Kricke fängt noch einmal von vorn an, die Plastik wird radikal reduziert auf ein weißes Gestänge. Ein dünnes Rohr läuft den Boden entlang, bildet einen rechten Winkel und schießt senkrecht in die Höhe. Auf die simpelste Weise wird hier Dreidimensionalität demonstriert. Kricke zeigt, was der plastischen Gestaltung vorausgeht, der Akademieprofessor bietet Beispiele aus dem Grundkurs für Bildhauer. Möglicherweise wird er selber aus solchen elementaren Raumerfahrungen in einer nächsten Phase zu plastischen Resultaten gelangen. Nur sollte man den jetzigen riesenhaften Gebilden keinen künstlerischen oder geistigen Eigenwert beimessen, wie das in teils hymnischen, teils wissenschaftlichen Katalogbeiträgen geschieht. (Duisburg Wilhelm-Lehmbruck-Museum und Städtische Kunsthalle Düsseldorf bis zum 31. August, Katalog 15,– Mark)

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen:

Baden-Baden: „Vom Bembo bis Guardi – 80 Meisterwerke oberitalienischer Malerei“ (Staatliche Kunsthalle bis zum 14. September, Katalog 30 Mark)