Von Klaus-Peter Schmid

Häufig wird man in Frankreich als deutscher Journalist gefragt: Was ist eigentlich aus „Dany le rouge“ geworden, aus Daniel Cohn-Bendit, dem Anführer der Mai-Revolte von 1968? Seit seiner Abschiebung in die Bundesrepublik haben die Franzosen seine Spur verloren. Jetzt hat er sich mit einem Buch aus dem Exil zu Wort gemeldet:

Daniel Cohn-Bendit: „Le grand bazar“, Beifond, Paris 1975; 191 S., 29 Franc.

Cohn-Bendits großer Basar ist so etwas wie ein Gemischtwaren laden für linke Erkenntnisse und Gebrauchsanweisungen. Das Angebot ist schillernd, die Übersicht kommt leicht abhanden. Da ist von Israel und den Juden die Rede, von Gastarbeitern, Roter Armee Fraktion und Anarchisten, von Konsumgesellschaft und revolutionärer Moral, vom Leben in Berlin, in der Kommune, im Kindergarten, von der Bild-Zeitung und vom Filmemachen. Der Soziologiestudent aus Nanterre mit dem jungenhaften Charme und dem messerscharfen Verstand ist nicht kleinlich in der Auswahl seiner Themen.

Am aufschlußreichsten (auch für deutsche Leser) ist jedoch, was der rote Dany über den Mai 1968 schreibt. Er bietet nämlich nicht die soundsovielte Darstellung der Ereignisse, sondern beschreibt seine eigene Rolle in jenen turbulenten Tagen, die Frankreich fast an den Rand eines Bürgerkrieges brachten. Ein Aufschneider war Cohn-Bendit noch nie. Er gefällt sich eher in der Rolle des unbekannten, kleinen Anarchisten, der 1967 unter allgemeinem Gelächter ankündigte, bei einem Konflikt mit der Polizei werde man eben die ganze Universität besetzen und gegen den Aggressor verteidigen.

Er versteht nicht, daß er sich immer in der Rolle des gewandten und zudem amüsanten Wortführers wiederfindet, dem man automatisch einen Vorsprung vor seinen Kameraden einräumt. Er wundert sich, daß er unvermittelt immer in der vordersten Reihe der Auseinandersetzung steht. Er ist aber auch ehrlich genug zuzugeben, daß er im Laufe der Wochen und Monate immer mehr Gefallen daran fand, einfach eine Rolle zu spielen: die des scheinbar naiven Provokateurs.

„Ich war das Rumpelstilzchen“, erklärt Cohn-Bendit. Schon während seiner Schulzeit habe er diese Rolle mit Hingabe gespielt: „Das war ein sehr großer Augenblick in meiner Jugend: Ich hatte die ganze Bühne für mich und durfte springen und schreien. Das gefiel mir ganz enorm.“ So waren auch die Nächte auf den Pariser Barrikaden für ihn ein Spiel, eine einmalige Gelegenheit für spontane Selbstverwirklichung: „Es war ein großes Fest, ein Abreagieren. Ich fühlte mich richtig wohl. Die Atmosphäre auf den Barrikaden bleibt in meiner Erinnerung ein unvergeßlicher Augenblick.“ Von Taktik hielt Cohn-Bendit damals angeblich nichts. Er zog die Provokation vor, um die Mechanismen der Universität und des politischen Systems lächerlich zu machen, um die Repression als „vulgäre Dummheit“ zu entlarven.