Von Ben Witter

Hamburg

In der Nacht zum 17. Juli entdeckten Feuerwehrleute und Kriminalbeamte nach einem Zimmerbrand in der Zeißstraße 74 in Hamburg-Altona in der darüberliegenden Dachwohnung des Nachtwächters Fritz Honka, 39, vier zerstückelte Frauenleichen in Plastiksäcken. Fritz Honka gestand drei Morde unter Weinkrämpfen und behauptete, er habe im Vollrausch gehandelt. Von der einen Frau befand sich nur der Torso in einem Plastiksack, den Kopf hatte man 1971 in knapp 200 Meter Entfernung gefunden. Die Frau hieß Gertraude Bräuer. Aber Honka bestreitet, auch die Bräuer „gemacht“ zu haben.

Inzwischen wurde eine weitere Frauenleiche identifiziert. Nach ihren Fingerabdrücken, so erklärte das Bundeskriminalamt, handelt es sich um die 58 Jahre alte Frieda Roblick, die in Prostituiertenkreisen verkehrte. Über diese Frau lag keine Vermißtenmeldung vor. Acht Monate soll die Leiche der Roblick, die angeblich Honkas Haushälterin gewesen war, auf seinem Dachboden gelegen haben. Die anderen Leichen, mit Ausnahme des Torsos, zwischen drei und sieben Monate.

In Hamburg werden 17 Frauen in der Vermißtenkartei geführt. Aber viele verschwinden, ohne sich abzumelden. Niemand fragt nach, ihnen. Fritz Honka hat, sollte er den Mord an der Bräuer begangen haben, entweder vier Jahre pausiert oder möglicherweise woanders Frauen „gemacht“, vermutet die Mordkommission. Fritz Honka bleibt dabei, daß er betrunken war, als er die drei Frauen zerstückelte. Die Mordwerkzeuge fehlen. Die Polizei spekuliert weiter.

Das Sechsfamilienhaus in der Zeißstraße 74 im Stadtteil Ottensen ist gar nicht mal das schlechteste in der Gegend. Es hat vielleicht vor fünf Jahren zuletzt Farbe gekriegt und neue Fenster. 1888 wurde das Haus erbaut. Mottenburg sagt man zu dieser abgewirtschafteten Gegend. An einigen Stellen wirkt sie sogar noch romantisch. Eisenbahnschienen führen durch Straßen und Fabriken, die stillgelegt worden sind, und Hinterhöfe werden sonntags besichtigt. Mottenburg heißt die Gegend, weil es früher hier überall. Zigarrendreher gab, und die hockten auch nachts in ihren Stuben um das Licht herum und drehten.

Wieder fuhr ein Funkstreifenwagen an dem Haus vorbei. In dem zertrümmerten Dachfenster von Fritz Honka blähte sich ein bräunlicher Vorhang. Ich ging die Treppe hinauf, überall Brandgeruch, kein Verwesungsgeruch mehr, aber oben Fichtennadelgeruch im Brandgeruch. Um den Verwesungsgeruch zu mildern, hatte Honka Fichtennadeltabletten rings um die Plastiksäcke mit den Leichen verteilt. Die von der Polizei versiegelte Wohnungstür war aufgebrochen worden. Honkas Telephonapparat ist mit Brokatstoff verkleidet, leere Sektflaschen stehen herum, in einem selbstgebastelten Flaschenständer liegen Weinflaschen, zwei Kisten Zigarren hat man aufeinandergepackt und in dem oberen Fach des Wohnzimmerschrankes ist ein Stapel frisch gebügelter Oberhemden zur Seite gekippt. Mindestens dreihundert Pornos kleben an der-Wand über seinem Bett, die üblichen Pornos, darunter keine mit sadistischen Motiven. Und neben dem Telephonapparat zwei Ansichtskarten, eine mit lauter Rosen. Die Worte konnte ich kaum entziffern, sie waren nur hingekritzelt und kein Wort war richtig geschrieben. Danach sollte Honka eine Frau im Krankenhaus besuchen.