ZDF, Freitag, 25. Juli: „Depressionen“ von Herbert Vesely

Das Experiment war kühn, sein Scheitern ehrenwert. Der Versuch des Filmmachers Vesely, die Technik Kafkas zu verbildlichen, mißlang, aber er mißlang auf hohem Niveau.

Die Technik Kafkas zu übernehmen, bedeutet, die Perspektive des Erzählers, also des Drehbuchautors und Regisseurs, mit der Sichtweise jenes Helden zu identifizieren, der, als Opfer und Objekt, in Wahrheit ein Anti-Held ist. In der Weise Kafkas zu berichten, heißt: auf Mehrwissen und Kommentierungsmacht zu verzichten, seinem Protagonisten die Treue zu halten und, im Schatten der Hauptperson, nur das zu schildern, was in den Gesichtskreis des Bankbeamten oder Landvermessers dringt. Das Grundprinzip dieser auf dem Gesetz freiwilliger Selbstbeschränkung beruhenden Technik lautet Konsequenz, und eben daran fehlte es den „Depressionen“, einem Film, in dessen Zentrum die Leidenserfahrungen einer von Angst und Verzweiflung Überfallenen Frau stehen.

Dumpfes Brüten und jähes Entsetzen, ein Sichtreiben-Lassen im Wechselspiel mit plötzlichem Ausbruch: Um den Erfahrungshorizont der Kranken zu veranschaulichen, mischte Vesely nahezu zwei Stunden lang die verwirrendsten Bild- und Geräusch-Assoziationen, Rührei und Kopf ohne Körper, schwebende Krankenschwestern, klirrendes Glas, perspektivisch verzerrte Betten, verwischte Gesichter, Zeitlupen-Bewegungen, durch Schnitte zerhackte Aktionen. Das Kleine groß, das Große klein, verschwimmende Totalität, Schärfe im Detail. Trick auf Trick und Gag auf Gag. Das Ergebnis: Von der Folgerichtigkeit der Konfusionen (wie sie sich in der Vorlage des Films, dem Tagebuch der Caroline Muhr, präsentiert) war nichts zu spüren. Statt Konsequenz: Zufall und Beliebigkeit. Statt des Schreckens: ein artistisches Spektakel, technischer Zauber und sogenannte künstlerische Gestaltung. Statt der Melancholie, mit ihren tausendfach von den größten Meistern der Literatur und bildenden Kunst beschriebenen Stadien: ein eher schizophrenes Spektakel, eine Fülle von Ekstasen und Absurditäten.

Während im Tagebuch das berichtende Ich die Assoziationen jedenfalls ansatzweise organisiert (hier mehr, dort weniger dem Prozeß der Krankheit entsprechend), bedarf es im Film einer Krücke, um die Assoziationen, die in der Gefahr der Verselbständigung sind, weil sie nur eine ästhetische Funktion besitzen, an die Patientin zu binden: Die Frau (von Doris Kunstmann mit einer wahrhaft verwegenen Exaktheit gespielt) muß über ihre Krankheit räsonieren, und sie tut das, bei geschlossenen Lippen Lautdenken vortäuschend, mit schön gegliederten Sätzen, indem sie sich, der Erzählweise nach plötzlich in eine Tagebuchschreiberin verwandelt, dem Betrachter am Bildschirm zuwendet. Darin liegt die Inkonsequenz des Films, sein entscheidender Fehler: jene mangelnde Übereinstimmung von Bild und Wort, die auf der zu großen Verzerrung im Visuellen und der ebenfalls zu großen Normalität im Verbalen beruht. Auf diese Weise gewann die Abfolge von Sprung (ins scheinbar Verstiegene) und Rückkehr (ins angeblich Normale) keine Anschaulichkeit.

Der Schluß – nach zwei Jahren sind die Depressionen ohnehin vorbei (schön wär’s), die Erde hat einen Menschen mehr, der, wie Millionen andere, unempfindlich für die Leiden der Welt ist – der Schluß wirkte wie ein ein Deus-ex-machina-Finale, unglaubwürdig und gedanklich nahezu absurd. Lag es nicht gerade im Wesen ihrer Krankheit, daß die Heldin, um sich selber kreisend, von Schuld nichts wissend, unbekümmert um das Leiden anderer, ihre gesellschaftliche Rolle vergaß? Daß ihre egozentrische Sensibilität sie, im Sozialbereich, desensibilisierte?

Ich denke, so wie die Krankheit sich im Film darbot, hat sie Erbarmen (und bessere Psychiater als die auftretenden Ärzte), aber keinen Ritterschlag verdient. Keine Nobilitierung von Seiten einer Intelligenz, für die Melancholie jahrhundertelang die Krankheit der erlauchten Einzelgänger war. Momos