Von Rolf Henkel

München

Auf den ersten Blick werden die Leser des Münchner Merkur am Freitag dieser Woche kaum entdecken, was der Verlag des vorwiegend außerhalb der Landeshauptstadt verbreiteten Abonnementsblattes schlicht einen „internen Vorgang“ nennt, den die Münchener Journalistenszene jedoch als kompromißlose Hinwendung des bürgerlichen Blattes zum CSU-Kurs wertet: Am 1. August gibt der liberale CDU-Mann Franz Wördemann, vor zwei Jahren an die Redaktionsspitze des Merkur berufen, die Redaktionsleitung an seinen bisherigen Stellvertreter Paul Pucher ab, der sich selbst als „eindeutigen Konservativen“ charakterisiert. Während Wördemann den Titel Chefredakteur behält und – so Verlagsleiter Paul Kobel – „das Haus nach außen vertreten wird“, soll Pucher die Redaktionsleitung „mit allen Aufgaben nach innen“ übernehmen und zum eigentlichen Blattmacher aufrücken.

Der „neuen Kompetenzverteilung“ (Kobel) gingen sechswöchige Verhandlungen voraus, in denen Merkur-Verleger Ludwig Vogl dem einst mit viel Vorschußlorbeer aus der Chefredaktion des Westdeutschen Rundfunks abgeworbenen Wördemann das neue Repräsentationsamt (Branchenjargon: Frühstücksdirektor) schmackhaft zu machen versuchte. Wenige Stunden bevor Wördemann sich zu einem vierwöchigen Spanienurlaub zurückzog, überraschte Vogl Dienstag letzter Woche die Ressortleiter seines Blattes mit der Änderung an der Redaktionsspitze, die neugierige Leser am 1. August nur aus der Umformulierung des kleingedruckten Impressums erfahren sollen.

Die mit dem Merkur in der Region München konkurrierende Süddeutsche Zeitung durchkreuzte jedoch alle Geheimhaltungspläne und verkündete bereits am Morgen nach der Entscheidung die „kleine Sensation für Redakteure“.

Überrascht war indes auch die politische Öffentlichkeit, vor der Wördemann 1973 bei seinem Amtsantritt von Merkur-Mitverleger Felix Buttersack noch „in dem Bewußtsein“ begrüßt worden war, daß er „die überzeugte Gemeinsamkeit der Redaktion in Zukunft fördern wird“. Zwei Jahre später, im Mai bei der Feier seines 75. Geburtstags, plagten Buttersack, der die Chefredakteure seines Hauses mit Vorliebe aus der Fernsehprominenz rekrutierte, offenbar Zweifel: öffentlich erkundigte er sich bei den Gratulanten, ob er nicht „mit der Berufung Wördemanns seinen schwersten Fehler gemacht“ habe. Wördemann, der „norddeutsche Typ, der bei einer süddeutschen Zeitung ein schwieriges Terrain vorfand“ (Pucher), hielt mit seiner Meinung in trautem Kreis auch kaum hinter dem Berg: Ziemlich deutlich klagte das eingeschriebene CDU-Mitglied über politischen Druck vom rechten Flügel der Union, der in der Münchener Lazarettstraße heftig schlägt.

„Politische Gründe – einfach null“, beteuerte dagegen Verlagschef Kobel, und Verleger Vogl schwört Stein und Bein, mit Politik habe der Wechsel an der Redaktionsspitze des Münchner Merkur nichts zu tun. In der Tat gab es mehrere vordergründige Anlässe, die die Entscheidung erleichterten, Wördemann zum Repräsentanten und Pucher zum Macher des werktäglich in den bayerischen Landesfarben Weiß-Blau erscheinenden Blattes zu befördern. Während Kobel die Bekanntgabe von Details als „nicht dem Stil des Hauses entsprechend“ ablehnte, munkeln Redaktionsinsider, daß der anfangs mit viel Elan, aber ohne Zeitungserfahrung angetretene Wördemann sehr bald die Grenzen und Bremsen der lange im Haus tätigen Redakteure zu spüren bekam. Mit dem Scheitern seiner Pläne zur Erneuerung der in Ausnahmesituationen wenig flexiblen Redaktionsorganisation nahm Wördemanns Enttäuschung zu. Schließlich überließ er seinem Stellvertreter Pucher, der Jahre vor ihm von der Stuttgarter Zeitung nach München gekommen war, die eigentliche Redaktionsarbeit, die Pucher so erfolgreich erledigte, daß er in kurzer Zeit mehrere lukrative Angebote erhielt. Für den Chefredakteurssessel einer bayerischen Regionalzeitung erwärmte er sich wenig, die Verhandlungen über den Vizeposten in der Chefredaktion der Welt gediehen immerhin bis zur Unterschriftsreife.