Von Ekkehard Pluta

Gute Nachrichten aus der deutschen Kinoprovinz. Seit Anfang des Jahres zieht ein Wanderkino im Land herum, das nach dem Willen seiner Besitzer auch Leute erreichen soll, „die noch nie einen Film gesehen haben“. Während die Zuschauer – auch ältere, die nach eigener Aussage schon lange nicht mehr im Kino waren – von einem „völlig neuen Kinogefühl“ schwärmen und einige Optimisten ein neues Kinozeitalter herannahen sehen, spricht die Filmförderungsanstalt (FFA), die es besser wissen müßte, dem Unternehmen schlichtweg Wirtschaftlichkeit und Perspektive ab. Das erste „Cinemobil“ ist also zum Politikum geworden, bevor es seine Funktionsfähigkeit richtig unter Beweis stellen konnte.

Die Initiatoren dieses ambulanten Kinos, die Brüder Eckhart, Wolfram und Frank Weber, betreiben seit 1970 das unabhängige Kino „Meisengeige“ in Nürnberg, dessen Programm im vergangenen Jahr mit 20 000 Mark Bundesprämie honoriert wurde. Diese Summe war der Grundstock für das neue Unternehmen, das bislang ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert werden konnte: Achtzigtausend Mark hat es bis jetzt gekostet, weitere dreißigtausend müßte man noch investieren, um die technische Anlage zu vervollkommnen. Aber die ausbleibende Förderprämie der FFA hat die Leute von der „Meisengeige“, die sich nicht als Religionsstifter fühlen und sich folglich auch nicht zu Märtyrern machen lassen, nicht daran gehindert, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen und sogar neue Pläne auszuhecken.

Das „Cinemobil“ in seiner jetzigen Form ist eine Eigenkonstruktion: ein Lastwagen mit Filmprojektoren. Das Filmbild wird aus dem Wageninneren über einen Umlenkspiegel auf eine Rückprojektionswand geworfen. Das mitgeführte beheizbare Zelt bietet 210 Zuschauern Platz und wird neben der gesamten technischen Ausrüstung in einem Anhänger verstaut, der zudem als Wohnraum für die Belegschaft dient. Mit drei Personen ist das Wanderkino einsatzbereit; der Aufbau des Zeltes dauert indes länger als vorhergesehen, oft einen ganzen Tag, so daß man es mit Freiluftaufführungen versuchen will, zu denen die Zuschauer ihre Stühle selbst mitbringen müssen.

Nach einer provisorischen Premiere in Dinkelsbühl (Welturaufführung des Kaspar-Hauser-Films von Werner Herzog) wurde das Cinemobil bis jetzt in Nürnberg, Fulda, Düsseldorf und Berlin eingesetzt. Die Erfahrungen mit dem Publikum sind gut, das Unternehmen trägt sich selbst. Allerdings vergeht an jedem neuen Ort meist eine Woche, bis sich die Attraktivität dieses neuen Kinotyps herumgesprochen hat – Wolfram Weber führt das auf den fremd klingenden Namen „Cinemobil“ zurück. Die drei Brüder wollen aber aus den Erfahrungen lernen und sich in absehbarer Zeit an einem neuen Modell versuchen, das dann vielleicht verständlicher „Kinomobil“ heißt und in zunächst dreifacher Ausfertigung in einigen deutschen Kleinstädten aufgestellt wird; durch einen hydraulisch aufklappbaren Zuschauerraum wird der aufwendige Zeltauf- und -abbau entfallen.

Zukunftsmusik, die nicht darüber hinwegtönen kann, daß das Cinemobil seinen eigentlichen Zweck, nämlich in Gegenden zu spielen, wo es keine Kinos gibt, bislang nicht erfüllte. Statt dessen wandte man sich an das großstädtische Publikum, das die Konstruktion als Kuriosität bestaunte. Wolfram Weber entschuldigt das Versäumnis damit, daß der Einsatz in Dörfern und kleinen Orten voraussetzt, schuldenfrei zu sein. Und nur in den großen Städten glaubt man, das dazu notwendige Geld einspielen zu können. Andererseits trifft das Angebot, Orte ohne eigenes Kino zu bespielen, bei den zuständigen Behörden nicht immer auf die erwartete Gegenliebe. Oftmals kam der Fall „Cinemobil“ in solchen Gemeinden vor den Stadtrat, mit dem Resultat, daß ein Gastspiel verweigert wurde. Man traute dem „fahrenden Volk“ offenbar nicht über den Weg.

Ähnliche Überlegungen spielen wohl mit, wenn die FFA in der Rückkehr des Kinos zu seinen Ursprüngen, dem Jahrmarkt, keinen Fortschritt erkennen will und deshalb das Projekt für nicht förderungswürdig hält. Sie ist sich mit den Kinobesitzern darin einig, daß die Kinosituation in der BRD den Einsatz eines Wanderkinos nicht notwendig macht. Diese Konkurrenzangst der Branche ist völlig unbegründet, denn das Cinemobil arbeitet den stehenden Kinos ja in die Tasche, indem es testet, ob an einem Ort ein festes ansässiges Kino rentabel wäre. Außerdem, meint Wolfram Weber, könnte man mit dem Wanderkino in größeren Städten für die bestehenden Kinos Reklame machen, indem man etwa auf dem Marktplatz die Vorschau von neu angelaufenen Filmen zeigt.

Außerhalb der deutschen Kinoprovinz hat das Unternehmen allerdings eine positivere Resonanz erfahren. Henri Langlois, Leiter der Pariser Cinemathèque, war von der Idee spontan begeistert und läßt das Cinemobil ab Mitte September in Paris gastieren. Weber denkt daran, das Zelt am Montparnasse aufzustellen und in den Bezirken Freiluftveranstaltungen zu arrangieren. Anschließend will man dann Südfrankreich bereisen, immer mit neueren deutschen Filmen im Programm. Und im nächsten Jahr winkt sogar eine Afrika-Tournee. Es wäre freilich schade, wenn die Brüder Weber – irritiert von teilweise bornierten Reaktionen – über solchen Erfolgen die Aufgaben im eigenen Land ganz vergessen würden.