Von Joachim Holtz

Ronnenberg

Es ist doch kein Krieg, in dem alles durcheinandergerät. Man kann doch den Kreis der Betroffenen überschauen. Warum läßt man uns jetzt allein?“ Meta Kommul ist verzweifelt. Ihr Haus Giselherweg 33 im hannoverschen Stadtteil Badenstedt ist in wenigen Stunden zur Ruine geworden. Niemand darf es betreten. Damit hat Meta Kommul ihren gesamten Besitz verloren, zum zweitenmal im Leben. Sie weiß heute noch nicht, ob dieser Verlust ersetzt wird.

In Benthe und Empelde, zwei Ortsteilen der Gemeinde Ronnenberg, und in den hannoverschen Stadtbezirken Badenstedt und Davenstedt geht es vielen so. Sie sind Opfer des bisher größten Schadensereignisses im deutschen Kali-Bergbau.

Die Katastrophe kam nachts. Am 24. Juli hatte sie sich an der Erdoberfläche angekündigt, am folgenden Wochenende kulminierten die Ereignisse. Über dem Benther Salzstock war die Erde in Bewegung geraten. Ein Gebiet von 25 Quadratkilometern war davon betroffen. 20 000 Menschen leben hier. Laugeneinbrüche im Grubensystem unter dem Kali-Schacht „Albert“ der Kali-Chemie AG haben Ende Juni die Entwicklung wahrscheinlich eingeleitet. Einen Tag später wurde die Grube aufgegeben. 396 Arbeitsplätze gingen verloren. Mit drei Notbohrungen bemühte sich die Firma, beraten vom Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld, den Grundwasserzufluß in die bis zu 1050 Meter tiefen Schachtanlagen gleichmäßig zu verteilen.

Vermutlich hat das abfließende Grundwasser Hohlräume in der Umgebung hinterlassen. Sie wiederum könnten zu den Erdeinbrüchen geführt haben. Schließlich strömten in kurzer Zeit über 6,8 Millionen Kubikmeter Wasser in die Ronnenberger Teufe. Weder vom Bergamt noch von der in Hannover ansässigen Bundesanstalt für Bodenforschung wurden Ausmaß und Folgen der Erdbewegung vorhergesehen: 76 Häuser wurden im Schadensgebiet geräumt, 65 im Landkreis, elf in beiden Stadtteilen. Einige mußten abgerissen werden. Die Evakuierten zogen mit ein paar Habseligkeiten in Pensionen oder zu Bekannten. Einem Galvanisierbetrieb brach die Werkhalle zusammen. Unter ihr tat sich ein großer Krater auf. 35 Beschäftigte sind nun ohne Arbeit. Auf Straßen und Wegen klaffen Risse. Leitungen barsten, Gullydeckel wurden hochgedrückt, Trottoirs nehmen skurrile Formen an, auf einigen Feldern verschwand ein Teil der Ernte in der Tiefe. Das Unglücksgebiet wurde für einige Tage für den Verkehr gesperrt. Die Bundesbahn leitete ihre Züge um. Noch heute wird hier nur im Schrittempo gefahren. Der einzig erfreuliche Aspekt: Menschen kamen nicht zu Schaden.

800 Bedienstete der Feuerwehr, der Polize und verschiedener Hilfsorganisationen waren im Einsatz. Zwei Katastrophenstäbe koordinierten die Arbeit. Ein Fernmeldezug sorgte für Nachrichtenverbindungen, die Ambulanzen der Unfallhilfen standen bereit, das Technische Hilfswerk stützte zusammen mit den Feuerwehren bedrohte Häuser ab, ein Küchenwagen der Arbeiter-Samariter und eine Verpflegungskolonne versorgten die von ihrem Herd Abgeschlossenen mit Eintopf. Wasser wurde geliefert, Notstrom gelegt.