Von Uwe Johnson

Am 14. August wäre die Schriftstellerin und politische Publizistin Margret Boveri fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Am 6. Juli ist sie in Berlin gestorben. Je älter Margret Boveri wurde, desto kräftiger wurde ihre Neugier für das, was etwa an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer geschah oder für die junge Literatur, von der sie hartnäckig behauptete, sie „verstehe“ sie nicht. Aber man konnte sicher sein, jedes neue Buch etwa von Peter Handke in der Woche der Auslieferung schon auf ihrem stets mit Neuerscheinungen bedeckten Lesetisch zu finden. Daß Unbefangenheit und Aufrichtigkeit dieser Journalistin gerade von jüngeren Autoren erkannt wurden, bezeugt etwa Alexander Kluges Lob 1966 im „Spiegel“: „Ein Roman von stoischer Sachlichkeit“ für die Dokumentation der Autorin „Wir lügen alle – Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler“. Bis zu seinem Umzug nach England vor ein paar Monaten gehörte auch Uwe Johnson zum Berliner Freundeskreis der Autorin. Nach der Nachricht von ihrem Tod schrieb Johnson diese Erinnerungen an den letzten Besuch bei Margret Boveri. Wir veröffentlichen den Text als Gedenkblatt zum fünfundsiebzigsten Geburtstag der Publizistin.

Zum letzten Mal habe ich Frau Dr. Margret A. Boveri am 24. Mai gesehen. Es war in einem bekannten evangelischen Krankenhaus, und wie beim vorigen Mal wünschte ich nur die Regeln zu achten, als ich den Pförtner um die Erlaubnis zum Besuch bat. Der Pförtner war aber mehr beschäftigt mit einem verwirrten Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, der nicht die Vorstellung ertrug, er werde am nächsten Morgen das Gästehaus des Institutes verlassen müssen, ohne die Möglichkeit, dann und bis dahin und rechtzeitig die erforderlichen Gebühren entrichtet zu haben, da kann ein Besucher leicht zum Dolmetscher werden, auch teilhaftig eines dankbaren Händedrucks jenseits von Vietnam und Watergate, überlassen bleibt er sich allein als ein Besucher, der gehen darf, wohin er will.

So fährt er also in dem ihm bekannten Fahrstuhl, geräumig genug für fahrbares Krankenbett wie für Sarg, in das bekannte Stockwerk zu dem bekannten Flur und wurde nicht aufgehalten auf dem etwa fünfzehn Meter langen Weg zu dem ihm bekannten Krankenzimmer. Er hätte an diesem Nachmittag sämtliche Patienten dieses Stockwerks per Euthanasie erfreuen oder per Erbarmen verwunden dürfen; Zeugenaussagen, die nach seiner Kenntnis von Berliner Untergrundbahnhöfen und des sogenannten wirklichen Lebens unerläßlich sind für den Anfang einer Mordaufklärung, hätten der Polizei zuverlässig gefehlt.

Anders als vor einer Woche rief Frau Dr. Margret A. Boveri nicht herein, als der Besucher klopfte und dann eintrat in das Appartement des Krankenzimmers, das sich in Anlage wie Ausstattung nicht von dem Royal SAS Hotel in Kopenhagen unterscheidet (Naßzelle und Korridor als Lärmschutzzone dem Wohnraum vorgesetzt, der durch eingebaute Wandschränke, Möglichkeiten für Sitzen und Liegen, Klimatisierung mit der Chance, sie auszuschalten, einen Menschen zwar zurückführt auf seine mindesten Bedürfnisse, diese jedoch nicht einschränkt). Anders als vor einer Woche begriff Frau Dr. Margret A. Boveri erst allmählich, daß ein Besuch eingetreten war. Anders als vor einer Woche traute der Besuch sich nicht, mitgebrachte Rauchwaren zu benutzen, also Blumengaben auf dem Fensterbrett zu rücken, das Fenster zu öffnen, damit Rauch wie Asche gleichermaßen anonym davongejagt würden, nämlich fast untadelbar. Unterhaltsamer Blick auf Kiefernkronen, dazwischen rohe Wege halb planiert, appetitlich gelb, wenn einer wollte.

Sie war sehr schön geworden. Das gilt unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß Schönheit bedeuten könnte die Zusammenfassung aller mimischen, damit körperlichen Möglichkeiten in einer physiognomischen Grimasse, die keinen Raum mehr läßt als für die persönliche Wirklichkeit. Sie wußte nicht, daß ihr die inzwischen fast weißen Haare über die Stirn gewuschelt waren, wie einem Kind das egal sein kann.

Anfangs gelang es ihr zu sprechen. Es sei diese Stunde vor der Abendspritze, die ihr so schwer werde, nicht eigentlich wegen des Schmerzes, sondern wegen des so lange vergeblichen Wartens auf Erleichterung von ihm. Sie war, soweit es mit dem Sprechen geht, zärtlich in den Erkundigungen nach Tochter und Frau, deren Ergebnisse sie recht schnell vergaß. Sie lag auf dem hochgestellten Kopfdrittel des Bettes mit dem Kopf auf einem Luftkissen sehr mager da, in ihrem Gesicht ganz auf sich selbst zurückgeführt, auch mit dem körperlichen Volumen eines Kindes, und hingeführt auf das Mentale, dessentwegen sie fast zwei Drittel ihres Lebens lang zwar nicht angebetet, zwar nicht geliebt, aber bewundert worden ist.

Das Gespräch, das sich hier nur als Schuldigkeit erforderte, wurde unterbrochen durch das Klingeln des Telephons, das sie auf dem Tisch links neben sich zwischen Medikamenten, Gläsern, einer Weckuhr und Lektüre zu stehen hatte. Ungeachtet seiner Bemühungen ums Weghören erschrak sich der Besucher sehr über den allmählichen Verfall ihrer Fähigkeiten zur Artikulation, über ein Lallen, das sie selbst offenbar noch für geformtes Sprechen hielt, und war insbesondere entgeistert, weil nach seiner Mutmaßung auch noch Kinder jener ihm unbekannten Familie an einem fernen Telephon gesprochen und gehört haben müssen.

Unter dem Vorwand der Diskretion rannte dieser Besucher auf den Flur, rüttelte an Schwesternzimmer 2 (verschlossen), Schwesternzimmer 1 (verschlossen), in das Foyer zum Arztzimmer (verschlossen), Anmeldung zum Arztzimmer (verschlossen), zurück auf den Korridor in verschiedene Teeküchen, Arzneimittel-Lager, bis er endlich eine aufsichtführende Schwester fand, die gemütlich telephonierend nebenbei sich unterhielt mit Gästen, der er sagte, Frau Dr. Margret A. Boveri gehe es schlecht. Diese Schwester antwortete, sie wisse ja nicht, ob sie berechtigt sei, ihm etwas zu sagen. Der Besucher: ihm gehe es nicht darum, sich medizinische Auskünfte zu erschleichen, was er wünsche, sei eine ärztliche Hilfeleistung. Die Aufsichtsschwester, das Gespräch in ihrem Telephonhörer gemütlich hinlegend: sie wisse ja nicht, ob sie berechtigt sei, hier etwas zu sagen.

Bei der Rückkehr des Besuchers in Frau Dr. Margret A. Boveris Zimmer lallte sie weiterhin ins Telephon; jedoch war ein Ende der Konversation erkennbar; denn sie ließ diesen Plastikgegenstand an ihren Kopf schlagen, so daß ein Geräusch entstand, als töne nur noch ihr Schädel wider. Daß er ihr den Hörer abnahm und in das Telephon zurücklegte, entging ihr bereits. Vieles von ihren nun folgenden Äußerungen mußte erraten werden. Bifokalbrillen, die Reisedistanz per Flug zwischen Westberlin und London, die Konstruktion eines großbritannischen Kinderhutes für Reitschulen entgingen ihr oder doch zumindest so, daß sie in Mißverständnisse verfiel oder eine Frage dreimal wiederholen mußte. Nach der Flugzeit hat sie sich zweimal erkundigt, nach einem Kind viermal.

Sie hatte so wenig Haut übrig im Gesicht, sie mußte den Mund offenhalten. Bei Gelegenheiten, in denen ein Freund hätte ein Lächeln erwarten dürfen, war nur noch eine winzige, eben nur noch im Ahnen wahrnehmbare Muskelanstrengung zu sehen. Die Haut saß ihr so streng um den Schädel, die reichte nicht mehr zum Lächeln. Ihre Augen sahen noch, aber für den Ausdruck von etwas war die muskulöse, damit mimische Umgebung zu schwach. Sie war sehr schön.

Nach zwei Stunden, und weil man eine andere Verabredung, verdammt noch mal, einhalten will, ging dieser Besucher am gähnenden Pförtner vorbei wie ein Unschuldiger.

Am nächsten Morgen, aus Westdeutschland, kam er mit seinem telephonischen Anruf nur noch bis in die Telephonzentrale dieses landschaftlich so außerordentlich gedachten Krankenhauses und erhielt die Auskunft: „Die hat keine Gespräche mehr drin.“