Die deutschen Farbenfabriken stecken wegen der Flaute am Bau tief in der Krise

Lange Monate wollte die promovierte Chemikerin von der neuen Verbindung nichts wissen. Doch als schließlich jeder weitere Widerstand für ihr Unternehmen gefährlich wurde, gab sie auf. „Imperial Chemical Industries Ltd. und Dr. Ellen Wiederhold“, so konnte ihr übermächtiger britischer Verhandlungskontrahent daraufhin erklären, „haben ihre Gespräche über den Erwerb einer Beteiligung von ICI an den Hermann Wiederhold Lackfabriken durch eine grundsätzliche Übereinkunft erfolgreich beendet.“

In einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei unterzeichnete Frau Wiederhold, 53, am Dienstagabend vergangener Woche eine Absichtserklärung, mit der nun das letzte große selbständige Unternehmen der deutschen Lackindustrie seine Unabhängigkeit aufgibt. Der britische Chemie-Multi ICI (Umsatz: 18 Milliarden Mark) wird nach endgültigem Vertragsschluß einen 70-Prozent-Anteil an dem Familienunternehmen Wiederhold (Umsatz: etwa 280 Millionen Mark) übernehmen. Im rheinischen Hilden geht nach fünf Generationen Wiederhold-Führung das Kommando auf den ICI-Manager Quintin Knight aus dem britischen Slough über: Ellen Wiederhold, unverheiratet, Mutter von vier Adoptivkindern, bleibt indes Mitglied der Geschäftsführung.

Um die Herrschaft gebracht hat Frau Wiederhold, die bisher 58 Prozent des Hildener Unternehmens besaß, die schlimme Krise, in der die deutsche Lackbranche zusammen mit ihren beiden Hauptkunden – der Bau- und der Automobilindustrie – seit dem vergangenen Jahr steckt. Trotz breitgefächertem Programm (bekannteste Marken: „Ducolux“ und „Zweihorn“) ist dabei auch das Wiederhold-Geschäft rissig geworden: eine „deutliche Stabilisierung der finanziellen Ausstattung der Firma“ (so Wiederhold) tat not. Wiederhold-Aufkäufer Suckling, Chef der ICI Paints Division: „Die Zeiten für Farbenunternehmen sind hart.“

Die Flaute am Bau und der schleppende Autoabsatz verdarben den rund 300 deutschen, mit wenigen Ausnahmen mittelständisch kleinen Lackfirmen das zuvor lange Jahre glänzend; Geschäft recht nachhaltig. Im vergangenen Jahr schrumpfte die Produktion der Branche mangels Nachfrage um fast sieben Prozent. In diesem Jahr ging sie bis Ende Juni nach Schätzungen um weitere zwölf Prozent zurück. Zwar konnten dabei die Lack- und Farbenfabriken noch immer ihre Preise leicht erhöhen. Aber da wegen der Ölkrise in der gleichen Zeit die Lackrohstoffe rapide teurer wurden, gerieten viele Fabriken tief in die roten Zahlen.

Knapp wurde vielen Lackfabriken dabei vor allem auch das Kapital. Um bei den starken Rohstoffverteuerungen seit 1973 die sich kräftig blähenden Bilanzen im Lot zu halten, bedurfte es nämlich nach Berechnungen des Lackverbandes bei den meisten Unternehmen der Branche einer Eigenkapitalerhöhung um rund die Hälfte. Das freilich war – nicht nur bei Wiederhold – ein kaum lösbares Problem: Viele der Kapitaleigner hatten einfach nichts einzuschießen. Viele Lackfabrikanten gaben deshalb auf.

Die großen Familienunternehmen der Branche, bis auf Wiederhold, wurden freilich schon vor Jahren, als die Geschäfte noch besser gingen, ihrer Selbständigkeit überdrüssig. Glasurit und Dr. Beck & Co in Hamburg, Herbol in Köln, Siegle und Kast + Ehinger in Stuttgart verkauften an den Ludwigshafener Chemie-Giganten BASF. Flamuco in München, Dr. Kurt Herberts & Co in Wuppertal und Spies-Hecker in Köln lehnten sich an den Chemie-Multi Hoechst an. Von den rund 3,3 Milliarden Mark Branchenumsatz erzielte deshalb die BASF im vergangenen Jahr 675 Millionen und war damit im Inland wohl der Größte. Im Hoechst-Konzern erlöste allein Herberts (Hoechst-Kapitalanteil: 51 Prozent) 1974 einen Gruppenumsatz von 420 Millionen Mark.