Es ist kaum zu fassen, wie hohe Generäle und führende Politiker die Meldungen über einen Massenaufstand der Kommunisten, über russische Waffentransporte, ja sogar über eine bevorstehende Landung sowjetischer Soldaten im April 1967 überhaupt ernst nehmen konnten.

Die machtgierigen Obristen, gelehrige Schüler des faschistischen Diktators Metaxas aus den dreißiger Jahren und Bewunderer des Obersten Nasser, scheuten keinen krummen Weg zur Macht. Sie fabrizierten Falschmeldungen für den König, die Regierung und die Generalität und fingierten Sabotageakte, um die Krisenstimmung in den sechziger Jahren anzuheizen, als die Apo-Krawalle auf dem Omonia-Platz in Athen die Bürger ängstigten und der dauernde Verstoß des Königs und der Rechten gegen parlamentarische Spielregeln den Überdruß an der Demokratie steigerte.

Der Prozeß in Athen war nicht nur für die griechischen Demokraten lehrreich. Eine Polarisierung, aus parteitaktischen oder machtpsychologischen Gründen gewollt, die Verketzerung der legalen Parteien, die Unart des undifferenzierten Antikommunismus, die Gleichsetzung von liberaler Freiheit mit ökonomischen Interessen, der verständliche, aber verderbliche Wunsch der Parteien, sich mit allen Mitteln an der Macht zu halten – dies alles mußte eine demokratische Ordnung unterhöhlen, bis sie krachend einstürzte oder lautlos starb.

Ebenso verderblich war die griechische Tradition, die Armee in die Politik zu zerren. Sogar Karamanlis soll in den ersten Jahren seines Pariser Exils mit dem Gedanken gespielt haben, durch einen Militärputsch an die Macht zu gelangen. Nach dem Bürgerkrieg von 1944/48 und nach Marschall Papagos erreichte die Politisierung der Armee infolge der Kunkeleien des Hofes mit der Generalität ein solches Ausmaß, daß weder Obristen noch Generäle auf die Idee kamen, die Lösung der nationalen Probleme den gewählten Organen des Staates zu überlassen. Doch wie der letzte Ministerpräsident vor dem 21. April 1967, der ehrwürdige Panajotis Kanellopoulos, vor Gericht aussagte, hätten die verfassungsmäßigen Möglichkeiten des Staates und das vertrauliche Zusammenspiel zwischen den großen Parteien auf der Rechten und der Linken jederzeit ausgereicht, allen Umsturzgefahren zu begegnen.

König mit Pistole

Welch beschämend-trauriges Bild vom Zustand der Armee und ihrem Offizierskorps wurde in diesem Prozeß entrollt: ein König als oberster Befehlshaber, der eine Pistole in der Tasche trägt, aber nicht den Mumm besitzt, die Obristen zur Ordnung zu rufen; sechs Generäle, die mit Zustimmung des Königs einen Putsch wagen wollen und dann durch die Obristen, die davon Wind bekamen, im letzten Moment übertölpelt werden; ein Generalstabschef (Grigorious Spandidakis), der nicht das dritte Armeekorps in Nordgriechenland gegen die Handvoll Putschisten in Athen in Marsch setzt, sondern ohne Not den Nato-Notstandsplan Prometheus auslöst, um den Putsch perfekt zu machen; ein Armeebefehlshaber (Georgios Zoitakis), der sich, ohne weiter zu fragen, ihm angeblich unbekannten Obristen unterstellt und sich von ihnen als Vizekönig mißbrauchen läßt, ein General (Odysseus Anghelis), der zu den brillantesten Offizieren der Nato gehört und aus unerklärlichen Gründen (vielleicht ist er wegen sexueller Eigenheiten erpreßt worden) „unglücklicherweise im letzten Moment“ den Putschisten sein Prestige leiht; ein Truppenführer, der sein geradezu klassisches Demokratieverständnis zum besten gibt: „Die Revolution mußte noch vor der Wahl stattfinden, denn nach der Wahl wäre sie eine Mißachtung des Volkswillens gewesen!“

Die antidemokratische Gesinnung hat sich in den sieben Jahren der Diktatur tief in das Gewebe der Armee eingefressen. In dem Prozeß gegen jene Verschwörergruppe, die zu Anfang dieses Jahres den General Ioannides aus der Haft befreien wollte, traten Leutnants, Hauptleute, Majore auf, die noch jetzt auf ihren Dienst für die Junta stolz sind. Gewiß, 48 Generäle hat der konservative Verteidigungsminister Averoff inzwischen in Pension geschickt. Aber eben erst mußte er jungen Offizieren in Saloniki ins Gewissen reden: „An euch ist es, die ganz kleine Zahl von Verrückten, die noch unter euch sind, zu isolieren!“