Am Beispiel Neumünster: Eine Städtekritik und ihre Folgen

Es gehe darum, so ließ mich Uwe Harder, der Oberbürgermeister von Neumünster, wissen, „den Bekanntheitsgrad dieser Stadt im positiven Sinne zu erhöhen“. Und nicht im negativen Sinne, wie ich das getan hatte: in einer Reportage über das Feriengebiet Westensee („Sommerfrische nach alter Art“, DIE ZEIT 16/75). „Neumünster – das ist mal etwas ganz anderes, eine negative Sehenswürdigkeit, ein gesichtsloses Monstrum, eine Spitzenkandidatin im Wettbewerb um Deutschlands häßlichste Stadt.“

Ein allgemeiner „Aufschrei“ sei die Folge gewesen, erfuhr ich von OB Harder. Aber ich habe beim Schreiben nicht an die Bewohner von Neumünster gedacht, sondern nur an Touristen, die vielleicht einmal zum Urlaub an den Westensee fahren. Die wollte ich – bei Neumünster-Besuchen – vor Enttäuschungen bewahren.

Denn es würde ihnen kaum anders ergehen als mir. Sie würden auf der Hauptverkehrsader an den ungestalteten Bahnhofsplatz geraten. Das heißt, der soll ja nun endlich ein Gesicht bekommen, der alte Bahnhof ist inzwischen abgerissen worden. Sie würden dann ganz sicher die öde Hauptstraße und den schlauchförmigen Hauptplatz entlangfahren, würden vielleicht noch Ausschau halten nach dem neuen Münster, vergeblich übrigens, denn Neumünster hat weder ein neues noch ein altes Münster. Das häßliche Rathaus würden sie vielleicht gar nicht bemerken, denn es verkrümelt sich, wenn ich so sagen darf, im nicht vorhandenen Stadtbild.

Soweit der Eindruck des unvorbereiteten Besuchers: negativ also! Und deshalb hat mich OB Härder nach Neumünster eingeladen, um mir die Stadt von ihrer positiven Seite zu zeigen. Da gibt es in der Tat viele schöne Eigenheim-Siedlungen, preisgekrönt in vielen Bundeswettbewerben. Da gibt es die schönen Wanderwege an den Flüßchen Stör und Schwale, da ist der Tierpark und der Einfelder See, und selbst die Industriegebiete im Norden und im Süden sind weiträumig hübsch im Grünen angelegt und beinahe schön zu nennen.

Zudem ist mir beim Durchblättern der Stadtchronik klargeworden: Neumünster ist ein Stiefkind der deutschen Städtebaugeschichte. Tausend Jahre lang ist es ein schlichtes Straßendorf gewesen. Dann wurde es in seiner ländlichen Unschuld plötzlich vergewaltigt mit Leder- und Tuchfabriken und wild wachsenden Arbeitervierteln. Die Fabrikanten waren leider keine Mäzene, und auch sonst hat sich niemand um die Stadtverwaltung gekümmert, kein geistlicher und kein weltlicher Herr und nicht einmal ein Amtmann. So fehlt es der Stadt an Stadtcharakter.

Nicht etwa an Charakter überhaupt. Zumindest ist Neumünster eine ehrliche Stadt. Die ehemaligen Dorfanger, die bis heute keine richtigen Stadtplätze geworden sind, obwohl sie die Stadtmitte bilden, heißen nach wie vor schlicht „Großflecken“ und „Kleinflecken“, und die Hauptstraße heißt immer noch „Kuhberg“. Neumünster gibt sich auch nicht als Touristenziel aus. Und schließlich steht die Stadt zu ihren Mängeln, indem sie „Liebe auf den zweiten Blick“ als Werbeslogan auf den Prospekt gesetzt hat.

Ich habe einige Bewohner von Neumünster ihre Stadt loben hören. Es klang sehr überzeugend (zumal „im Vergleich mit Städten wie Saarbrücken“, die sie für eine Spitzenkandidatin im Wettbewerb um Deutschlands häßlichste Stadt halten).

Sicher ist Neumünster eine gute Wohnstadt. Aber wenn ich Neumünster mit den Augen eines Touristen betrachte, verfalle ich wieder ins Negative. Denn Touristen sind ja schon mit irgendeiner Stadt verheiratet. Die wollen im Urlaub eine vergnügliche Abwechslung. Die erwarten von der Urlaubsstadt, daß sie attraktiv und lustig ist und obendrein möglichst noch kulturell wohlhabend. Eine Liebe auf den ersten Blick.

Darum bleibe ich auch nach Besichtigung der Außenbezirke bei meiner Empfehlung, die Touristen mögen keine Erwartungen an einen Besuch von Neumünster knüpfen. Die Sache mit der „häßlichsten Stadt“ aber möchte ich als fahrlässige Übertreibung zurücknehmen.

Ulrich Schmidt