Ist der Regisseur ein Urheber – oder „nur“ ein ausübender Künstler? Auf diese Frage wird – ohne die Absicht der Prozeßgegner, aber nach dem Willen des Gerichts – der Fall hinauslaufen, der am vergangenen Donnerstag und Freitag eine Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts beschäftigte.

Der „Fall“: Am 23. März dieses Jahres hatte im Frankfurter Opernhaus Wagners „Götterdämmerung“ Premiere. Musikalische Leitung: Christoph von Dohnanyi, Regie: Peter Mussbach, Bühnenbild: Rolf Glittenberg. Nachdem vor allem (aber nicht nur) die Inszenierung und die Bühne beim Publikum wie bei der Kritik einhellig durchfielen, gestand Operndirektor von Dohnanyi, man habe „ein hartes Rennen gefahren und einen Unfall gebaut“; mit Rücksicht darauf, daß nicht ein „sensationslüsterne“ Publikum auf seine Kosten kommen“ solle, nahm er das Stück vorläufig aus dem Spielplan.

Operndirektion, Regisseur und Bühnenbildner verabredeten daraufhin Änderungen, vor allein am Schluß, der am stärksten angegriffen worden war – ein erstarrtes „Orchester“, wie von der Hand George Segals entworfen, spielte dort dem verendeten Siegfried die Trauermusik, und zur transzendentalen Vereinigung der ebenfalls gestorbenen Brünnhilde mit ihrem Helden gleißte kaltes Licht aus einem total leeren, weißen Raum und signalisierte das totale Nichts, die totale Vernichtung, die absolute Tabula rasa als Quintessenz des Stücks.

Mussbach wollte aber auch den wahrhaftig nicht überzeugenden zweiten Akt neu bauen und inszenieren – das Kostenlimit für die Änderungen von 10 000 Mark (die sieben ursprünglichen Bilder hatten insgesamt die für Staatsopernopulenz fast läppische, für Frankfurter Sparsamkeitsverhältnisse sehr hohe Summe von 56 000 Mark gekostet) war schnell überschritten, die Fronten verhärteten sich, schließlich war, zwei Monate nach der Premiere, eine gemeinsame Arbeit nicht mehr möglich, die Verträge mit Mussbach und Glittenberg, die bis 1977 auch die drei anderen Teile des „Ring des Nibelungen“ hatten inszenieren sollen, wurden gekündigt, Christoph von Dohnanyi ließ wissen, er werde selber die „Götterdämmerung“ umändern, am 23. August sollte die nächste Aufführung stattfinden – da beantragte Peter Mussbach eine Einstweilige Verfügung.

Dem Antrag hat das Gericht in Teilen entsprochen: „Die Antragsgegnerin (Städtische Bühnen Frankfurt) wird verurteilt, es bei Meidung eines Ordnungsgeldes bis zu 500 000 Mark für jeden Fall der Zuwiderhandlung zu unterlassen, die Oper ‚Götterdämmerung‘ in der Inszenierung des Antragstellers zu spielen, wenn darin Regieteile enthalten sind – insbesondere bei der Gestaltung des dritten Aktes –, die nicht vom Antragsteller stammen oder von ihm gebilligt sind.“ Die Hauptverhandlung zur Sache wird vermutlich in der zweiten Septemberhälfte angesetzt. Vorläufig wird in Frankfurt keine „Götterdämmerung“ stattfinden.

Der „Fall“ birgt eine Fülle von latenten Folgefällen. Das Gericht hat zweifellos Rolle und Position eines Regisseurs stärken wollen. Wird das zur Konsequenz haben, daß in Zukunft ein Inszenator, der zwar eine Premiere abgeliefert hat, aber danach abreist, zufällig bei der siebenten oder siebzigsten Wiederholung vorbeikommt, sieht, daß die inzwischen völlig ausgetauschte Besetzung anders agiert als von ihm einstudiert, die Aufführung wird verhindern können, notfalls per Einstweiliger Verfügung?

Hat das Gericht allen Bemühungen um ein bißchen Mitbestimmung beim Theater zum Trotz die Omnipotenz des Regisseurs dekretieren und damit zementieren wollen? Wer wird entscheiden, ob es sich bei einer Regie um eine freie und selbständige Leistung handelt, für die eigene Schutzrechte garantiert sind?