Von Heinz-Günter Kemmer

Seine Arbeitslosigkeit währte achtzehn Tage. Ende, Juli schied Walter Cipa aus dem Vorstand der Essener Gelsenberg AG, am Dienstag vergangener Woche wurde er auf der Hauptversammlung Von AEG-Telefunken in Berlin den staunenden, Aktionären als neuer stellvertretender AEG-Vorstandschef präsentiert. Im nächsten Jahr soll er dann das werden, was er schon bei Gelsenberg war: Vorsitzender des Vorstands.

Die Arbeitslosigkeit des Ruhrmanagers war für die AEG genauso ein Glücksfall wie die Not des angeschlagenen Elektrokonzerns für Cipa. So konnte nun auch der AEG-Aufsichtsrat den „Schmücker-Trick“ anwenden: Um den Zorn der Aktionäre auf das gescheiterte AEG-Management zu dämpfen, lenkte das Ratsgremium ihre Hoffnungen auf einen neuen Mann. Was mit Toni Schmücker bei Rheinstahl wie beim Volkswagenwerk gelang, wurde mit Cipa auch bei AEG-Telefunken ein Erfolg.

Daß Walter Cipa Geologe und nicht Elektrotechniker ist, daß er bisher einem fast ausschließlich in der Bundesrepublik tätigen Konzern und nicht einem weltweit verästelten Unternehmen präsidierte, all das störte die verunsicherten AEG-Aktionäre nicht. Nach den vielen Schreckensmeldungen aus der Frankfurter Zentrale des zweitgrößten deutschen Elektrokonzerns mußten sie nach jedem Strohhalm greifen: Da war es für sie eine Erleichterung, in Cipa zumindest eine solide Planke gefunden zu haben.

Der eine oder andere AEG-Aktionär mag wohl insgeheim Zweifel an der Qualifikation des designierten AEG-Chefs haben – Walter Cipa selbst quälen solche Skrupel mit Sicherheit nicht. Er besitzt ein Selbstvertrauen, das manchmal schon ein wenig penetrant wirkt. Aber seine Manager-Karriere hat ihm bisher auch keinen Grund geliefert, am eigenen Können zu zweifeln.

Der ehemalige Gelsenberg-Chef kommt aus einer Landschaft, die dem Ruhrgebiet zum Ver wechseln ähnelt: Er wurde 1928 im oberschlesischen Gleiwitz geboren. Vater Cipa war Tiefbaumeister, da konnte der Sohn von den Eltern keine Reichtümer erben. Und so blieb Cipa nach dem Kriege nichts anderes übrig, als sich sein Studium selbst zu verdienen: Das Umland der Technischen Hochschule Aachen, an der er Geologie studierte, bot ihm genug Gelegenheit zu harter Arbeit unter Tage.

Freiburg war für Jung-Cipa eine weitere Station seines Studiums, das er dann, für ihn eine Selbstverständlichkeit, mit der Promotion zum Doktor rer. nat. abschloß. Im Jahre 1955 musterte der frischgebackene Geologe bei der Deutschen Erdöl AG an. 1961 holte ihn die damalige Gelsenkirchener Bergwerks-AG, denn die Bergleute brauchten einen Fachmann für ihr Mineralölgeschäft, das ihnen aus der Beteiligung an der Aral AG und der Kohlenhydrierung zugewachsen war. Und da Cipas robuste Art den selbst nicht zimperlichen Bergleuten gefiel, machte er schnell Karriere: 1964 kam er in den Vorstand, 1969 würde er als Nachfolger von Friedrich Funcke Vorstandsvorsitzender – damals ganze 40 Jahre alt.