In diesen Tagen werden wir reif gemacht für die Herbstlektüre: Seit kurzem verkünden uns die Litfaßsäulen in sanft-zupackender Schrift den Titel des neuen, soeben ausgelieferten Romans von Johannes Mario Simmel "Niemand ist eine Insel". Auf den ersten Blick wirkt der Satz wie eine Aufforderung an alle, dem Bestseller-Geschäft, das sich da vorbereitet, nicht zu widerstreben; bei der Totalität der Marktbeherrschung wäre jeder Widerstand zwecklos; und Inseln der Reserve hätten keine Chance gegen die Brandung des schon ausgekochten Erfolgs – niemand ist eine Insel.

Aber auf den zweiten Blick, wir wollen es gestehen, hat der Titel etwas soghaft Faszinierendes, eine lyrische Melancholie, und das Bild, das er uns vorstellt, lädt sich an jeder neuen Plakatsäule mit größerer Deutlichkeit auf: Man fängt an, das geradezu landschaftlich vor sich zu sehen.

Nicht auf die Litfaßsäulen ist ein anderes Buch gekommen, das vor drei Jahren im Rosenheimer Verlagshaus erschienen ist. Autor ist Honor Arundel, und es heißt "Kein Mensch ist eine Insel". Als die Rosenheimer den Verlag Droemer Knaur, der Simmel herausbringt, kürzlich auf die Duplizität hinwiesen, gingen die Münchner Büchermacher gleich in die Offensive: Es habe ja schon vor Jahren, bei Benziger, ein Buch gegeben mit dem Titel "Keiner ist eine Insel".

"Keiner ist eine Insel." "Kein Mensch ist eine Insel." Und jetzt: "Niemand ist eine Insel." Wo kommen bloß alle die Inseln her? Wer hat da von wem abgeschrieben? Nun, so ist anzunehmen, keiner vom andern. Alle drei haben aus einem Gedicht abgeschrieben, einem der schönsten Gedichte der Weltliteratur. Es stammt von John Donne, der von 1572 (das Jahr ist nicht ganz gesichert) bis 1631, also etwa zur Zeit Shakespeares, gelebt hat, und es fängt, auf Englisch, mit eben dem Satz an, der jetzt überall plakatiert ist: "No man is an Iland." Man kann sicher darüber streiten, welche deutsche Fassung dem Original näherkommt: ob man "wo man" besser mit "kein Mensch" oder aber mit "niemand" übersetzt; dagegen ist die Wendung "Keiner ist eine Insel" von eher banausischer Sang- und Klanglosigkeit.

Aber allen drei deutschen Versionen geht, notwendigerweise, das geniale Wortspiel ab, mit dem das Thema des Gedichts pointiert wird: Denn im Englisch des John Donne schreibt sich das Wort "Island" – das unserem "Eiland" entspricht – noch nicht mit "s", sondern "iland". Und damit bekommt das alte Wort und Bild, das es bezeichnet, einen aufregenden Doppelsinn: "No man is an Iland" heißt dann nämlich auch: Kein Mensch ist ein Ich-Land. Und folgerichtig geht das Gedicht weiter: "...begrenzt in sich selbst; jeder Mensch ist ein Stück vom Kontinent, ein Teil aus dem Ganzen; Wird ein Erdkloß weggewaschen vom Meer, so ist Europa kleiner, wie wenn’s ein Vorgebirge wäre, wie wenn’s das Haus deiner Freunde wäre oder dein eigenes;/jedermanns Tod macht mich geringer,/denn ich bin verstrickt ins Schicksal aller ..."

Dies ist eines der vehementesten Solidaritätslieder, ein Gedicht von großem Engagement, fast könnte man es die erste Internationale nennen. Hier hat einer den Altruismus gesungen, wie es sonst nur noch in der Bibel steht. Und bei aller Epigrammatik, bei aller Sentenzhaftigkeit, bei allem Appellcharakter ist es ein vollkommenes Gedicht. Was Wunder, wenn es immer wieder für Autoren herhalten muß, die in die Zauberwelt der Donneschen Wörter und Sätze greifen, um ihren Rebbach zu machen? Simmel ist nicht der erste Bestseller-Autor, der sich aus diesem Werk bedient hat: Sein Vorgänger war Ernest Hemingway mit dem Spanien-Roman "Wem die Stunde schlägt". Denn auch dieser Titel stammt von John Donne; die Schlußzeilen seines Gedichts lauten auf Deutsch: "Und darum forsch nie nach, wem die Stunde schlägt; denn sie schlägt dir."

Hemingway hat, fairerweise, das ganze Gedicht, als Motto, seinem Buch vorangestellt. Niemand ist eine Insel; und auch Worte lieben und brauchen den Zusammenhang.

Dieter Hildebrandt