Die weitaus meisten Autobahnunfälle sind wohl – da Erfahrungen und Statistik sich hier gegenseitig bestätigen – Auffahrunfälle: irgendwo vorn bremst einer, und irgendeiner in der langen Kolonne, reagiert zu langsam oder hat schlechte Bremsen. Auf den knallt dann der Hintermann, und wenn es das Unglück so will, fahren die nächsten zehn Wagen voll hinein in den großen Trümmerhaufen.

Es ist unbestritten hier wäre sogar "wissenschaftlich nachweisbar" einmal wieder am Platz –, daß mit steigender Geschwindigkeit der Bremsweg länger wird. Aber das spielt gar keine Rolle bei der gemeinten Unfall-Situation. Auch mit 130 gelingt bei Sicherheitsabständen, die durch die Verkehrsdichte weit unter das Minimum gedrückt werden, keine Vollbremsung mehr. Es wäre also zu untersuchen, ob nicht die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit, die ja so gern auch als Mindestgeschwindigkeit mißverstanden wird, zu jenen Kolonnen beiträgt, in denen es zu Auffahrunfällen kommt. Bis ich eines anderen belehrt werde, glaube ich, daß es so ist.

Als Unfallursache erscheint dann "überhöhte Geschwindigkeit" – völlig korrekt, nur daß damit eben zwei ganz verschiedene Fahrverhalten bezeichnet werden: 1. zu schnell für die gegebene Verkehrssituation (das sind die Auffahrer) und 2. schneller, als da auf dem rotumrandeten Schild steht (das sind die Auffahrer meisten nicht).

"Überhöhte Geschwindigkeit" sollte jedoch heißen: auf unübersichtlichen und belebten Dorfstraßen mehr als 20 km/h; auf regennassen, kurvenreichen Landstraßen mehr als 50 km/h; auf nebliger Autobahn mehr als 70 km/h – aber so etwas läßt sich nicht "befehlen", das muß einer wissen, wenn er sich ans Steuer setzt, und daran wird er sich halten, wenn sein Verantwortungsbewußtsein ausreichend entwickelt ist.

Keine Statistik gibt Antwort darauf – und hier bestätigen meine eigenen Nachforschungsversuche den Spiegel-Aufsatz des erfahrenen Verkehrsrichters Heinrich Jagusch, dessen Argumente ich durch Ferdinand Ranft nicht widerlegt fand – keine Statistik verrät uns, wieviel von den 1147 Verkehrstoten auf der Autobahn "wegen überhöhter Geschwindigkeit" im Sinne von "wegen Überschreiten von Tempo 130" umgekommen sind. Das kann die Statistik gar nicht.

Auch die von Ferdinand Ranft genannten statistischen Untersuchungen geben auf die hier zur Diskussion stehenden Fragen keine befriedigende Antwort. Ich wußte zum Beispiel nicht so recht, ob ich es eher komisch oder eher bedrohlich finden soll, wenn da amerikanische Zahlen im 60- bis 80-Meilen-Bereich angeführt werden, die also alle unterhalb der umstrittenen 130-Stunden-Kilometer-Grenze liegen. Bedeutet das, von unseren Kontrahenten ist "Tempo 90 auf Autobahnen" schon geplant, wenn sie Tempo 130 erst einmal durchhaben? Es werden sich immer Statistiken finden lassen, mit deren Hilfe "wissenschaftlich" nachgewiesen wird, daß bei 110 weniger passiert als bei 130, bei 90 weniger als bei 110, bei 70 weniger als bei 90 – wo hören wir eigentlich auf? Und warum?

Wenn alles in dem Sinne "wissenschaftlich" durchschaubar wäre, wie mancher sich das vorstellen möchte, nach festen Regeln analysierbar, im Experiment wiederholbar, Voraussagen erlaubend, Fehler als solche erkennen lassend, die dann reparabel wären – es gäbe keine Inflation mehr und keine Arbeitslosigkeit, und selbst der Tod könnte eines Tages abgeschafft werden.