Der Historiker Renzo de Felice, der dem Faschismus und Benito Mussolini die umfassendsten Studien gewidmet hat, ist sechsundvierzig Jahre alt. Er gehört mithin zu einer Generation, die weniger antifaschistisch als nachfaschistisch geprägt ist. Nicht etwa, daß ihm das moralische Problem einer totalitären Diktatur gleichgültig wäre. Schon der Titel seines ersten Werkes „Geschichte der italienischen Juden unter dem Faschismus“ (1961) bewies, daß das Gegenteil zutrifft. Renzo de Felices Mussolini-Biographie umfaßt vier Bände, sie ist mehrfach aufgelegt worden, wurde in Fachzeitschriften diskutiert, doch nichts hatte die tiefe Erregung erwarten lassen, die sich eines so großen Teils der Antifaschisten – Historiker, Politiker, Publizisten – bemächtigt hat, seit im Verlag Laterza, Bari, „Intervista sul fascismo“ (Gespräch über den Faschismus) erschienen ist, ein Gespräch, das Renzo de Felice mit dem amerikanischen Historiker Michael A. Leeden geführt hat.

In diesem schmalen Band faßt Renzo de Felice die Ergebnisse seiner Forschung gelegentlich provozierend schroff zusammen. Darüber ist – und zwar schon in der Woche nach, dem Erscheinen des Bändchens – ein politisch-ideologischer Disput ausgebrochen. Freunde de Felices sprechen von einem „Hexenprozeß“. Lager bilden sich.

De Felice meint, der Faschismus habe im Gegensatz zu traditioneller „Reaktion“ die aktive Teilnahme der Massen an der Politik bewirkt. Auch ein Antifaschist wie der Historiker Aldo Garosci meint, daß die gegenwärtigen Wahlbeteiligungen von neunzig Prozent, die großen Parteien mit ihren Militanten ohne jene Aktivierung kaum denkbar wären.

Ein anderes Thema ist der „Konsens“, die jahrelange Zustimmung der schweigenden oder akklamierenden Mehrheit zum Regime. Dieser bis zu den schlechten Tagen des Kriegs anhaltende Konsens ist nach Felice nicht nur das Ergebnis von Manipulation und Zwang. Sehr stark akzentuiert der Historiker die friedliche, prowestliche Ausrichtung der italienischen Außenpolitik bis 1934. Er sieht die spätere Verstrickung Italiens in Kriege nicht als zwangsläufig in der Logik des Regimes liegend.

Allerdings überspitzt de Felice auch hier seine These. Der Abessinien-Krieg, die Forderung nach Korsika und Nizza – das hatte nicht nur mit Rhetorik zu tun, sondern mit Expansionismus, mit einem Kult des Krieges, und es war weder harmlos noch folgenlos.

Die These, die am meisten Erregung hervorgerufen hat, ist folgende: Der Faschismus sei so spezifisch, daß der Vergleich mit anderen Bewegungen der gleichen Epoche – etwa der Eisernen Garde in Rumänien – und erst recht mit Diktaturen des Nachkriegs, wie jener der griechischen Junta, abwegig sei und nichts zum Verständnis beitrüge. Hier polemisiert de Felice auch mit Ernst Nolte und dessen Darstellung eines „faschistischen Europa“. Wenn andere (nicht Nolte) das Etikett „Faschismus“ für alles verwendet haben und noch verwenden, so ist umgekehrt de Felice in Gefahr, selbst evidente Gemeinsamkeiten abzustreiten.

Wo er diese Besonderheit im Vergleich zum Nationalsozialismus findet, dürfte deutsche Historiker überraschen. Seine dürfte Der italienische Faschismus war links, der Nationalsozialismus rechts. Mussolini habe seine Erfahrung als Sozialist niemals vergessen und stets an den Fortschritt geglaubt, während Hitler von solchen Ideen nie angerührt wurde und ganz vergangenheitsgebunden blieb. De Felice meint ferner – eine kühne Behauptung! –, daß nur Mussolini sich als „charismatischer Führer“ stilisiert habe, Hitler nicht, daß Mussolini sich selber als unersetzbar, Hitler sich als ersetzbar gesehen habe. „Nur in dem, was sie ablehnten, nicht in dem, was sie bejahten, ist eine Verwandschaft zwischen Faschismus und Nazismus zu finden.“

Bisher wurde das Verhältnis umgekehrt gesehen. In Italien blieben Institutionen wie Papsttum und Monarchie stark, der Faschismus war weniger unabhängig von traditionellen Mächten als der Führer des Dritten Reiches. Jenseits der Etiketts rechts und links galt bisher der italienische Faschismus als weniger revolutionär. Revolutionär ist aber für de Felice der Faschismus, weil mit ihm eine ganze Schicht, das moderne Kleinbürgertum, in die Politik, in Machtpositionen eingezogen ist, die ihr bis dahin verschlossen waren.

Während es Kritiker gab, die von de Felices Buch als von einem „Dolchstoß in den Rücken des Antifaschismus“ sprachen, hat ein Historiker der älteren Generation, Leo Valiani, im „Corriere della Sera“ zweimal sachlich in die Diskussion eingegriffen. Valiani, der zehn Jahre in faschistischen Kerkern saß und 1943 zur Dreierführung des militärischen „Untergrunds“ in Norditalien gehört hat, sieht den Unterschied zwischen deutschem und italienischem Führerstaat anders als de Felice und hält ihn nicht für größer als den Unterschied zwischen Italien und Deutschland. Daß nur Italien auf die Jugend und auf Optimismus gesetzt, Deutschland aber in Götterdämmerungs- und Untergangsstimmung gelebt habe, scheint Valiani schon durch den Namen „Kraft durch Freude“ dementiert. Merkwürdig, daß de Felice die These Ralf Dahrendorfs nicht zu kennen scheint, derzufolge der Nationalsozialismus revolutionär war, unfreiwilliger Zerstörer verkrusteter Ordnungen, Wegbereiter der Demokratie. Die Verwandtschaft solcher Auffassungen mit derjenigen de Felices läßt daran zweifeln, daß zwischen Faschismus und Nationalsozialismus ein Abgrund war.

Der angesehnte Historiker Rosario Romeo hat im „Nuovo Giornale“ eine Lanze für de Felice gebrochen. Er schreibt: „Nicht alle seine Thesen halten der Kritik stand, aber die Reaktion auf das Erscheinen von ‚Intervista‘ war hysterisch und denunziantenhaft.“ Mit mehr Gelassenheit als die meisten hat der führende Kommunist Georgio Amendola – Sohn eines von Faschisten erschlagenen liberalen Politikers – in der „Unità“ über den „Skandal“ geschrieben. Faschismus könne nicht Gegenstand des Abscheus sein; es handle sich hier um zwanzig Jahre, die in die italienische Geschichte integriert werden müßten, wozu der „dünne Faden des damaligen Antifaschismus“ nicht ausreiche.

De Felice selber wirft die Anschuldigung faschistischer Haltung auf seine Widersacher. „Zu den größten Übeln, die der Faschismus Italien zugefügt hat“, schreibt er, „gehört ein Erbe der Unduldsamkeit, das die Antifaschisten angetreten haben, und der Hang, den Gegner zu diskreditieren und zu vernichten.“

Warum aber ist im Jahr 1975 ein so später Streit um die Deutung des Faschismus ausgebrochen?

Gegenwärtig sind die Chancen einer Machtergreifung durch Neofaschisten gleich Null, doch spielen ein Teil der Linken und Ultralinken die Gefahr einer solchen Wendung hoch. Hier wird de Felices Behauptung, daß der Faschismus einer vergangenen Epoche angehöre, als störend empfunden. Es gibt Akte des Terrors, Attentate, Gewalttaten seitens der äußersten Rechten, die sich meist zu einer Waffen-SS-Mystik bekennt, wie der äußersten Linken –„trame nere“ und „trame rosse“, schwarze und rote Verschwörungen. Nun sind manche Politiker und auch Richter geneigt, die Gewalt von links und ultralinks mit Nachsicht zu behandeln; sie erklären, nur von rechts gäbe es eine Gefahr für die demokratische Ordnung. Der Mantel „Antifaschismus“ deckt alles, was auf der Linken oder sogenannten Linken mit Methoden des Schreckens operiert. Renzo de Felice beweist, ohne es ausdrücklich zu sagen, daß das pauschale Bekenntnis zum „Antifaschismus“ zur Lösung der heutigen Probleme Italiens nichts beiträgt.

Vor fünfzig Jahren noch kam in Italien der Ausruf „Ha detto male di Garibaldi“ (Er hat über Garibaldi gelästert) der Anschuldigung eines Sakrilegs gleich. Garibaldi war ein weltlicher Heiliger geworden. Heute gilt Renzo de Felice – zu Unrecht – als einer, der „gut von Mussolini“ geredet habe.