In der ersten Theaterspielzeit nach dem Krieg, 1945/46, gab es in Berlin 245 Premieren von 46 Ensembles. Aus Erzählungen weiß ich von den überbordenden kulturellen Aktivitäten der Nachkriegszeit, von den Theateraufführungen und Kunstausstellungen in ungeheizten Räumen, auch von den Hoffnungen gerade jener, die damals so alt waren wie ich heute, vom Gefühl des Anfangs – nach dem Ende des Nationalsozialismus. Die ältere Generation, die Vertreter des Exils oder der „Inneren Emigration“, mögen skeptischer gewesen sein.

Der Anfang ist zu besichtigen, die Anekdote wird zur Geschichte in einem großangelegten Panorama über die „Kunst in Deutschland 1945–1950“, das jetzt die Akademie der Künste in Berlin vorstellt. Der Titel „Als der Krieg zu Ende war“, der auf ein Drama von Max Frisch zurückgeht, ist ebenso wie ein Teil des Materials von einer Ausstellung zur literarisch-politischen Publizistik der Zeit übernommen, die das Schiller-Nationalmuseum in Marbach vor zwei Jahren veranstaltet hat. In Berlin hat man dieses ohnehin sehr reiche Material ergänzt: um Dokumente der bildenden Kunst, neben Bildern und Plastiken auch Zeitschriften, Manifeste, Resolutionen; der Architektur und Stadtplanung; des Theaters und Films, mit Bühnenbildentwürfen, Figurinen, Szenenphotos, Programmheften und Kritiken; schließlich der Musik, deren Entwicklung allerdings kaum zu visualisieren ist. Dafür gibt es innerhalb des Rahmenprogramms, das die Ausstellung mit Diskussionen, Dichterlesungen, Filmvorführungen und Konzerten vervollständigen soll, Reminiszenzen an die frühen Kranichsteiner Musiktage, an das erste Auftreten von Hans Werner Henze und Giselher Klebe, als die Auseinandersetzung mit Schönberg und der Wiener Schule wieder aufgenommen wurde (1948) und Boulez, Dallapiccola, Maderna, Messiaen neue Namen waren.

Die Fülle dieses Materials läßt sich bei einem Ausstellungsrundgang gar nicht angemessen aufnehmen. Für den Marbacher Teil der Ausstellung liegt eine hervorragende wissenschaftliche Dokumentation vor. Die Akademie der Künste mußte sich auf ein knappes bilderloses Austellungsverzeichnis beschränken, weil ihr die finanziellen Mittel (vom Berliner Zahlenlotto) nicht bewilligt wurden; ein ausführlicher Katalog ist für das nächste Jahr (vom nächsten Etat) angekündigt.

Das politisch-moralische Engagement, auch ein naives Pathos ist ablesbar an der unübersehbaren Zahl von Zeitschriften, die 1946 gegründet und wiedergegründet werden: „Gegenwart“, „Umschau“, „Wir und Heute“, „Die Wandlung“, „Heute“, „Welt und Wort“, „Wespennest“, „Tagebuch“, „Aussaat“, „Karussell“, „Ende und Anfang“, „Tribüne“, „Pinguin“, „Deutsche Rundschau“, „Magazin“, „Aufbau“, „Das neue Podium“, „Weltbühne“, „Auslese“, „Fähre“, „Deutsche Beiträge“, „Das Goldene Tor“ (diese Auswahl und Anordnung folgt einem witzigen Gedicht von Heinz Hartwig, „Zeitschriftenzeit“, das 1947 im „Simpl“ erschien). Auch die Auflagenhöhe ist verblüffend: „Der Ruf“, herausgegeben von Alfred Andersch und Hans Werner Richter, erreichte zeitweilig eine Auflage von mehr als 100 000.

Im Jahr der Geburtstagsfeiern ist die politische Brisanz, die das Werk und die Person Thomas Manns für die Nachkriegszeit hatten (1946 erschien „Lotte in Weimar“ zum erstenmal in Deutschland, ein Jahr später der „Doktor Faustus“), kaum vorstellbar. An seiner Weigerung, einer Einladung Walter von Molos zu folgen und nach Deutschland zurückzukehren, entzündet sich die bittere Kontroverse zwischen den exilierten Schriftstellern und den Vertretern der „inneren Emigration“, aber auch die Diskussion, die unter dem Schlagwort „Kollektivschuld“ in den vierziger Jahren geführt wird. Diese Auseinandersetzungen verliefen jenseits der Klassifikationen „links“ und „rechts“, „kommunistisch“ und „antikommunistisch“, „christlich“ und „materialistisch“ – es war ausgerechnet C. G. Jung, der als einer der ersten für die „Kollektivschuld“ plädierte und den Begriff peinlich mythologisierend definierte.

Die Ausstellung dokumentiert die Entwicklung von der Offenheit des Anfangs zur ideologischen Verhärtung, die ökonomisch durch die Währungsreform und den Marshall-Plan, weltpolitisch durch den Kalten Krieg begründet ist. Die Kritik am kapitalistischen System, wie sie das Ahlener Programm der CDU von 1947 formuliert, müßte seinen Verfassern heute eigentlich schon Berufsverbot einbringen. Hans Grimm, der Autor von „Volk ohne Raum“, stand 1946 auf dem Index (auf Grund der von der sowjetischen und der amerikanischen Militärregierung jeweils veranlaßten „Listen der auszusondernden Literatur“). Bereits 1950 konnte er „Die Erzbischofsschrift“, in der er zwischen Hitler und der „nationalsozialistischen Idee“ sublim unterscheidet und die Idee weiter als „revolutionär“ feiert, in Deutschland publizieren, im Göttinger Plesse-Verlag; immerhin löste das noch eine scharfe Polemik aus.

In der bildenden Kunst war Carl Hofer der Repräsentant des antifaschistischen Widerstands. Von der sowjetischen Besatzungsmacht als Rektor der wiedereröffneten Hochschule für Bildende Künste in Berlin eingesetzt, bald darauf zum ersten Präsidenten des Deutschen Künstlerbunds gewählt, wurde er gleichsam zur Galionsfigur des Anfangs, auch. zum Garanten einer deutschen Tradition. Die Akademie zeigt Bilder aus der Zeit des Malverbots („Schwarzmondnacht“, 1944) und aus der Nachkriegszeit („Totentanz“, 1946, „Im Neubau“, 1947). Neben Hofer sieht man Otto Dix’ biblische Allegorien aus den ersten Nachkriegsjahren, einige schöne Arbeiten von Hannah Hoch, die damals kaum jemand gekannt haben dürfte, die Maler der ASSO (Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands), die sich nach der Teilung für die DDR entschieden. Die junge Generation der Nachkriegszeit präsentieren für Berlin Alexander Camaro und Heinz Trökes (der hier mit sehr schönen Arbeiten vertreten ist), die Bildhauer Heiliger und Grzimek. Dieser Anfang im Rückgriff auf Expressionismus und Neue Sachlichkeit mag auch provinziell erscheinen; er war der historischen Situation angemessen.