Sehenswert

„Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ von Woody Allen. Der Originaltitel „Love and Death“ erinnert in seiner entwaffnenden Schlichtheit nicht von ungefähr an „War and Peace“: In seinem neuen, teils in Frankreich, teils in Ungarn gedrehten Film montiert Woody Allen aus disparaten Bildungstrümmern und genüßlich verzerrten Hollywood-Klischees über Mütterchen Rußland die satirische Odyssee eines schmächtigen Verlierers durch das Reich der Zaren zur Zeit Napoleons. Marx Brothers und Karamasov Brothers standen gleichermaßen Pate bei dieser schwarzen Farce, in der der notorisch überangepaßte Neurotiker Woody schließlich sogar von einer überirdischen Erscheinung verschaukelt wird. Allens Begabung für verbalen Nonsens, der allemal in grotesk überspitzten pseudophilosophischen Spekulationen mündet, verbindet sich hier mit surrealistischen Visionen: Auf dem Schlachtfeld bieten Würstchenverkäufer ihre Ware feil, ein toter Krieger macht sich Sorgen wegen einer geschäftlichen Transaktion, Rußlands Dorftrottel versammeln sich zu einem Kongreß („Welcome Idiots“), Napoleon balgt sich mit seinem Doppelgänger. Intelligent demontiert der militante Pazifist Woody Allen das erhabene Pathos von Hollywoods historischen Epen. Wo, bitte, geht’s zur Front?

Beachtlich

„Das Mädchen Keetje Tippel“ von Paul Verhoeven, der mit seinem vorletzten Film „Türkische Früchte“ zum Champion des niederländischen Klosettschüssel-Realismus avancierte. Auch „Keetje Tippel“ ist nicht frei von unappetitlichen Spekulationen, doch insgesamt dominiert hier ein atmosphärisch stimmiger Lyrismus, der manchmal an Bo Widerbergs „Elvira Madigan“ erinnert. Mit liebevoller Sorgfalt rekonstruieren Verhoeven und sein hervorragender Kameramann Jan de Bont das Leben in Amsterdam um die Jahrhundertwende, wo dem schönen friesischen Aschenbrödel Keetje der Aufstieg vom Straßenmädchen zur Schloßherrin gelingt Nur werden Verhoevens schwelgerische Tableaux zwar einem romantischen Märchen gerecht, nicht aber den expliziten sozial kritischen Ambitionen, die reichlich aufgesetzt wirken. Eine Entdeckung, die mit manchen Schwächen versöhnt, ist die wunderbare Monique van de Veen in der Titelrolle.

Ärgerlich

„Angst über der Stadt“ von Henri Verneuil ist ein zynisches Plädoyer für den totalen Polizeistaat. In der ersten Polizistenrolle seiner Karriere jagt Jean-Paul Belmondo mit heroisch verklärter Brutalität einen geisteskranken Frauenmörder, der mit Mitteln, wie man sie aus dem faschistischen Kino kennt, als bestialischer Untermensch denunziert wird. Verneuil („Der Clan der Sizilianer“) mobilisiert ausdauernd das „gesunde Volksempfinden“ gegen die „Abartigen“, heizt bürgerliche Aggressionen mit dem Ruf nach uniformiertem Terror auf. Da heiligt schlimmer noch als in Winners „Ein Mann sieht rot“ der Law-and-Order-Zweck die ungesetzlichsten Mittel, da wird ideologisch der Boden bereitet für rechtsradikale Putschisten. Belmondos brillante akrobatische Attraktionen über den Dächern von Paris vermögen in diesem Zusammenhang auch nicht zu erfreuen.

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