Von Rolf Michaelis

Der Mann hat Mut: So gelassen erzählend, dichterische Stilisierung verschmähend hat sich selten ein Schriftsteller als liebender, als eifersüchtiger, als Frauen höriger Mann porträtiert und analysiert – und entblößt, werden mache sagen. Denn dies ist klar: an diesem Buch –

Max Frisch: "Montauk – Eine Erzählung"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1975; 207 S., 25, – DM

scheiden sich die Geister. Die autobiographische Erzählung des vierundsechzigjährigen Schweizers fordert dem Leser ein entschiedenes Urteil ab – und dies ist nicht ihre geringste Qualität.

Der Einspruch liegt nahe – und wäre doch ein Mißverständnis: was sollen uns Erinnerungen eines alternden Don Juan, wer will denn wissen, welche Qualen der Eifersucht ein Liebhaber um welches Mädchen ausgestanden, wie viele Abtreibungen mit wie vielen Frauen ein Mann hinter sich gebracht hat? Das Buch mit derart grob stofflicher Neugier zu lesen und nach den Interessen eines Voyeurs zu begutachten, hieße den Kunstcharakter dieses Stückes Literatur verkennen, das Frisch nicht als Tagebuch, sondern als "Erzählung" geschrieben hat; als tagebuchartige Erzählung, sicher, aber dieser Unterschied ist für die Literatur grundlegend, für die Kritik ausschlaggebend. Keine Bekenntnisprosa, sondern Selbstbefragung in Form eines "conte moral", einer moralischen Erzählung, wie die französische Literatur sie seit dem achtzehnten Jahrhundert ausgebildet hat: Der Erzähler vertraut darauf, daß der unbeirrbare Blick auf das eigene Leben, ins eigene Ich Wahrheiten über die menschliche Natur ans Licht bringt. Als Wegweiser in seine Erzählung stellt Frisch denn auch das Motto, das Michel de Montaigne, der Stammvater der "moralistes" ("Menschenprüfer", so deutscht Nietzsche die kaum zu übertragende Bezeichnung ein), 1580 über die Erstausgabe seiner "Essais" schrieb: "Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser ... Meine Fehler wird man hier finden ... So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches."

Erzählung also, gemischt aus Tagebuch und Selbstanalyse, Beschreibung der Gegenwart, Erinnerung der Vergangenheit. Das ergibt eine eigenwillig skizzierte Geschichte scheuer Liebe zwischen altem Mann und junger Frau – und darunter die Geschichte aller Lieben des Erzählers.

Keine einsträngig erzählte Fabel, sondern über Assoziationen aus glücklichem Heute in bedrückendes Gestern, verdrängtes Vorgestern gleitend; sprunghaftes Erzählen, aufgestachelt von Fragen, die Frisch sich (oft auch: dem Leser) stellt, wie wir diese Technik von Frischs "Tagebuch 1966–1971" kennen, aus dessen lockerer Komposition "Montauk" entwickelt ist. Fragen als Zwischenüberschriften sind nicht nur Ausdruck der Selbstinquisition, die den zwischen Kasuistik und Konversation tänzelnden Stil aller "Menschenprüfer" charakterisieren, sondern auch konstituierender Bestandteil der Erzählung: Fragen stellt auch Lynn, die einunddreißigjährige "junge Fremde’, die den Amerikabesucher Max Frisch im Auftrag einer Agentur als Betreuerin und Vermittlerin von Interviewpartnern begleitet. Bald interviewt Lynn den älteren Schriftsteller aus der Alten Welt für sich, aus Neigung. Mit ihren kleinen Verhören setzt die Frau die in sich kreisend:, immer tiefer bohrende Bewegung der Selbstbefragung des Mannes in Gang.