Wechsel-Gesang

Auf dem CSU-Parteitag in München schmückten die bayerischen Unionschristen ihre Strauß-Geburtstagsfeier mit professoralen Referaten. Einer der Hauptredner war Professor Karl Steinbuch. Der Informatik-Gelehrte war 1969 schon einmal. Redner auf einem bayerischen Landesparteitag – damals bei der SPD. Seine politischwissenschaftlichen Einsichten wechselte Steinbuch mit dem veränderten Auditorium. Vor den CSU-Delegierten dozierte Steinbuch: „Wer den Aufbau unseres Staates und seiner Wirtschaft bewußt miterlebt hat, zweifelt daran nicht: Sie entstanden überwiegend aus den Grundsätzen und der Regierungspraxis der CDU/CSU. Dies gilt uneingeschränkt für die soziale Marktwirtschaft, die unseren hohen Wohlstand begründete und die staatsbürgerlichen Rechte und Freiheiten sinnvoll macht.“ Steinbuch vor sechs Jahren vor SPD-Delegierten: „Jahrzehnte konservativer Politik haben die Lösung wichtiger sozialer Fragen verhindert ... In unserer Gesellschaft wurde durch Exponenten der CDU eine verhängnisvolle Ideologie begründet. Man sagte, Planung und Freiheit schlössen sich gegenseitig aus.“

Giscard Superstar

Als Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing letzte Woche sein Klagelied über die schlechte Konjunktur sang, saßen zwei von drei Franzosen gespannt vor Radio oder Fernseher. Und trotz der schlechten Nachrichten, die er verkündete, trotz der ungewohnt strengen Miene, die er aufsetzte, kam Giscard beim Publikum an: Nicht weniger als 77 Prozent fanden ihren Präsidenten sehr gut oder gut, nur 18 Prozent bescheinigten ihm hinterher einen schlechten Eindruck. So dürfte zumindest Giscards Image als ungekrönter Fernsehstar unter der steigenden Arbeitslosenzahl nicht leiden.

Brennende Schuhe

Niteroi, dicht besiedelter Vorort und mit der Stadt Rio de Janeiro über eine einzige Brücke verbunden, hat Verkehrssorgen: Der Autostrom ist noch dichter und zähflüssiger geworden. Der von der Stadtverwaltung ausgearbeitete neue Straßenplan rief den lauten Protest der Niteroier hervor – das sei eine Verschlechterung, auf keinen Fall eine Verbesserung der Situation, Kühl antwortete die Verwaltung, eben deshalb habe man den Plan „Aktion Schuh“ genannt: „Neue Schuhe kneifen und brennen immer, bis man sich an sie gewöhnt hat.“

Aufstands-Finanzier

Oberst Ghaddafi von Libyen scheint sich mit seiner eigenen Rebellion gegen König Idris im Jahre 1969 nicht zufrieden geben zu können. Erst in Marokko, dann in Ägypten, im Sudan und in der äthiopischen Nordprovinz Eritrea, neuerdings im Libanon finanzierte er Aufständische. Seit dem letzten Frühling soll der radikale Mohammedaner linken Moslem-Gruppen im libanesischen Norden für den Kampf gegen die Christen dreißig bis vierzig Millionen Dollar gespendet haben, so heißt es in Washington. Libysche Agenten, so wird weiter berichtet, kontrollieren außerdem drei Beiruter Tageszeitungen. Welche Absichten Ghaddafi mit seinem Geldsegen und Einfluß verfolgt, ist unklar: Jeder größere Bürgerkrieg im Libanon würde automatisch die Palästinenser, Syrer und Israelis auf den Plan rufen. Will der Libyer die Entspannungspolitik seines Intimfeindes Sadat in Kairo torpedieren?