Auf eine Zeichnung aus dem Jahr 1926 schrieb Paul Klee: „Sichtbar machen.“ Die Buchstaben sind mit der Feder kalligraphisch ausgezogen, gebildet aus drei parallelen Linien, sie wirken wie Denkmalslettern. Das S endet in Spiralen. Eine fast gleiche spiralige Form aus drei Linien hat der Zeichner für die Darstellung der Augenpartie des männlichen Kopfes benutzt, der neben die Inschrift auf das Blatt gesetzt ist. Der Kopf, ebenfalls aus parallelen Linien entstanden, erscheint vor einem Hintergrund aus Querstrichen mit einer Spirale und zwei sich überlappenden Rauten. Klee hat auf dem Blatt ein ideales Selbstporträt gezeichnet: ‚Nichtsichtbares sichtbar zu machen“, war für ihr die Aufgabe des Künstlers, sein Instrument dafür war das alles Sichtbare transzendierende Auge. Das Auge erfüllt die Forderung der geschriebenen Parole.

Die Linie, so Klee, ist „Gedanke“, und der Gedanke ist „Medium zwischen Erde und Kosmos“. Die Linie, die sichtbar macht, ist Mittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Die Linie ist aber auch „die erste bewegliche Tat“, ein primum movens – und damit schöpferisch. Die Linie gestaltet, sie wird Kunst. ‚Kunst“, folglich, „ist ein Schöpfungsgleichnis“.

Vielschichtige Bedeutungszusammenhänge, wie sie an diesem kleinen Blatt, keineswegs erschöpfend, aufzuzeigen waren, durchziehen das gesamte Werk Paul Klees. Klee war ein Künstler, der über das, was er tat, schriftlich Rechenschaft abgelegt hat. Auch für diese doppelte Buchführung ist das Buchstabenauge ein sinnfälliges Zeilen. Die Konkordanz von Bildern und Texten war für diesen Sinnierer über die ersten und die etzten Dinge charakteristisch. Die theoretische Reflexion ging parallel zu seiner künstlerischen Praxis, gelegentlich war sie ihr sogar voraus.

Bei aufmerksamer Durchsicht des malerischen, vor allem aber des zeichnerischen Œuvres und gliedernder Lektüre der schriftlichen Äußerungen müßten sich eigentlich konkret faßbare Übereinstimmungen zwischen Werken und Worten feststellen lassen, die ein Auffächern der Kunst Klees nach signifikanten Bedeutungsmerkmalen möglich machten – so überlegte sich Tilman Osterwold, der Leiter des Württembergischen Kunstvereins, und machte sich an die Arbeit. Seine Prämisse erwies sich als richtig. Ergebnis: Im Stuttgarter Kunstgebäude ist nun erstmals eine Klee-Ausstellung aus dem Geiste Klees zu sehen, im Grunde genommen eine neue Art von Ausstellung überhaupt.

Die umfangreiche Werkschau, in der eine Reihe von noch nie öffentlich gezeigten Zeichnungen aus dem Besitz des Sohnes Felix Klee vorgestellt werden, ist weder Retrospektive noch Seminar. Sie vermeidet den chronologischen Gänsemarsch, der bekanntlich die Regel ist, und auch die Untersuchung formaler Prinzipien. Sie betreibt Motivationsforschung und produziert dabei, auf der Seite des Besuchers, Einsichten. Auch in dieser Hinsicht ist die Ausstellung, leider, ein Ausnahmefall.

Die komplexe „Ordnung der Dinge“ im Werk Paul Klees sichtbar zu machen, ist das zentrale Thema der hervorragend gehängten, unaufdringlich das Auge leitenden Ausstellung. Kompliziert ist auch das Verfahren, das den Besucher zu einem optimalen Verständnis der Bilderwelt Klees führt. Die Hängung in Reihen ergibt Bedeutungsbögen, die sich dem Betrachter erst nach Befragung des Katalogs erschließen. In der Ausstellung selbst findet er keine Lesehilfen. Sie hält sich zudem nicht immer an den Katalog, sie besitzt ihr eigenes System der Querverweise. Man sucht die Erklärung und lernt zu blättern. Ein mühsames Geschäft; immerhin, es lohnt sich.

Der Katalog besitzt den Vorteil des direkten Bild- und Text Vergleichs, mit erläuternden Kommentaren von Tilman Osterwold. Er wirkt dadurch schlüssiger in seiner Argumentation. Umgekehrt wird erst vor der künstlerischen Wirklichkeit der Originale deutlich, warum Klees bildnerisches Denken auf anschauliche Kategorien einer Ordnung der Dinge zielte. Die „Psychogramme des Schöpferischen“, unter diesem Begriff hat Osterwold die Arbeiten zusammengefaßt, welche die Frage des Ursprungs zu klären suchten, enthalten überraschende Ansichten einer einigermaßen chaotischen Seelenlandschaft.