Stuttgart

Eine Fehlinformation war es, die den Landesvorsitzenden der baden-württembergischen FDP und Generalsekretär Martin Bangemann. dazu getrieben hat, vorzeitig in ein Wespennest zu stechen. In der Annahme, die südwestdeutsche SPD unter ihrem frischgebackenen Spitzenkandidaten Erhard Eppler werde auf ihrem Wahlparteitag bereits Ende August in Freiburg die Liberalen wieder einmal öffentlich umarmen, gab Bangemann damals den Genossen einen Korb, noch ehe die Aufforderung zum Tanz überhaupt ausgesprochen war. Wenige Tage vor dem SPD-Parteitag diktierte Bangemann den Redakteuren der Ulmer Südwest-Presse ins Stenogramm, daß die baden-württembergische FDP im Gegensatz zu ihrem früheren Verhalten über ihren Koalitionspartner erst nachdenken werde, wenn die Landtagswahlen vom 4. April nächsten Jahres vorüber sind.

Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die SPD in Freiburg um die Gunst der FDP gar nicht in einer besonderen Erklärung werben wollte, zumal solche Äußerungen Epplers und des SPD-Landtagsfraktionsvorsitzenden Rudolf Schieler vom großen Alten der schwäbischen Liberalen, dem Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Johann Peter Brandenburg, schon in der Vergangenheit stets entrüstet zurückgewiesen worden waren. Eine „Oppositionskoalition“ mit der SPD kam für Brandenburg zu keiner Zeit in Frage.

Aber damit war nun einmal heraus, womit die Führungsspitze der FDP Baden-Württembergs schon monatelang schwanger geht: zum erstenmal seit 1961, als Mende der CDU eine Koalitionszusage gegeben hatte, wollen die Liberalen im Südwesten testen, was es heißt, wenn sich die FDP wieder nach allen Seiten offen gibt. Der Schachzug, von Bangemann und seinem Stellvertreter, dem ehemaligen Jungdemokraten-Vorsitzenden Klaus Rösch, in aller Stille ausgeheckt, hat natürlich keinerlei programmatische, sondern rein taktische Bedeutung. Bangemann schielt auf das Wählerreservoir der baden-württembergischen CDU, die bei den letzten Landtagswahlen im Jahre 1972 ihre absolute Mehrheit von knapp 53 Prozent vor allem durch Einbrüche in das ehemals liberale Potential der Angestellten und Beamten in den Dienstleistungszentren des industrialisierten Südweststaates errungen hatte. Nur die Hälfte des eigentlich liberalen Wählervolkes im Heimatland der alten Demokraten, Freisinnigen und Volksparteiler, habe bei den Wahlgängen der letzten Jahre tatsächlich auch FDP gewählt, klagt Rösch. Der Rest sei verloren, wenn „wir in unserer babylonischen Gefangenschaft verharren und immer nur wie das Kaninchen auf die Schlange (gemeint ist die SPD) starren“.

Bangemann selbst, der erst vor vier Jahren damit begonnen hatte, den altväterlichen Mittelstandsverband auf links zu trimmen, reist inzwischen wie ein Missionar durch die 21 Kreisverbände, um den arg strapazierten Kreislauf des schwäbischen Liberalismus auf ein neuerliches Wechselbad vorzubereiten. Und er malt das Bild der neuen Freiheit in den verlockendsten Farben. Gewiß könne die FDP der SPD wieder eine Koalitionszusage machen und damit ihren Stimmenanteil von „8,9 auf vielleicht 9,8 Prozent erhöhen“; was auch Rösch als die „Nummer sicher“ verhöhnt, erscheint Bangemann viel zu „kleinkariert“. Erst der große Einbruch in das Wählerreservoir der CDU, den sich die liberale Kommandozentrale in Stuttgart von einer glaubhaft unterstrichenen Eigenständigkeit der FDP erhofft, werden den entscheidenden Schritt nach vorne bringen. Rösch sieht sich schon im Schlaraffenland: „Es ist prinzipiell möglich, die absolute Mehrheit der CDU zu brechen.“

Mehrere Umstände erleichtern der FDP dieses Wagnis. Die Stellung der CDU unter ihrem wendigen und populären Ministerpräsidenten Hans Filbinger ist so stark, daß die FDP nach der Landtagswahl kaum in die Verlegenheit geraten wird, ihre versprochene Offenheit auch durch eine Koalition mit der Union unter Beweis stellen zu müssen. Ohnehin will Bangemann nach der Wahl zunächst mit der SPD verhandeln. Andererseits ist die Wahlmannschaft der SPD, die Eppler Ende August vorgestellt hat, nicht darauf angelegt, daß die FDP von einer treuen Verbindung mit dieser Truppe im Wahlkampf große Stimmengewinne erwarten könnte. Für abschreckend hält man bei den Liberalen insbesondere die Tatsache, daß der IG-Metall-Vorsitzende Franz Steinkühler zwar nicht Mitglied der Wahlmannschaft, aber doch stellvertretender Landesvorsitzender der SPD ist. Hinzu kommt, daß Bangemann auch auf jene Mittelständler seiner Partei zählt, die er noch vor wenigen Jahren verprellt hat und die ihm jetzt als fünfte Kolonne gerade recht sind. Rösch: „Die gingen ja alle in CDU-Zirkeln ein und aus und kommen wieder zu uns.“

Während die SPD das Treiben Bangemanns allenfalls mit den Gefühlen eines staunenden und enttäuschten Liebhabers begleitet, ist die Nervosität der CDU nicht mehr zu übersehen. Filbinger, der sich bis vor einem Jahr die FDP als einen Partner für Notfälle stets bei Laune gehalten hatte, schaltete nach dem Dreikönigsparteitag dieses Jahres auf Konfrontation um und steht nun wieder vor einer neuen Lage. Er hatte in den vergangenen Monaten bei Bangemann stets eine FDP Reinhold Maiers und Theodor Heuss’ angemahnt und muß neuerdings überrascht feststellen, daß der ursprünglich so linkslastige FDP-Führer gerade diese beiden Altväter der schwäbischen FDP immer häufiger zitiert. Für besonders gefährlich hält man in der CDU eine Wahlkampfkonstellation, die den gleichermaßen angesehenen wie gemäßigten Johann Peter Brandenburg als Spitzenkandidaten der FDP zusammen mit Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs, möglicherweise flankiert durch Anzeichen eines Aufschwungs der Konjunktur, zeigen würde. Tatsächlich ist Bangemann auch entschlossen, den 70jährigen Brandenburg als Zugpferd herauszustellen, und es hängt nur noch von dessen physischen Möglichkeiten ab, ob die Liberalen bei ihrem Schachzug auch die kräftigste Figur ins Feld schicken können.