Herr Weiss, nach einem Jahrzehnt, in dem Sie nur für die Bühne geschrieben haben, kehren Sie mit dem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ zu erzählender Prosa zurück. Bedeutet dies Rückkehr auch zu Ihren schriftstellerischen Anfängen?

PETER WEISS: Für mich ist dieses Buch eher eine Zusammenfassung sowohl von Prosa- als auch von dramatischen Arbeiten. Es sind dramatische Elemente darin, dokumentarische, poetische und autobiographische Elemente; es sind rein historische, beschreibende Elemente darin. Es ist so wie manchmal auch bei Malern, daß man nach langen Jahren von verschiedenen Versuchen zu einer Arbeit gelangt, in der ein Stoff, der viele Jahre, sogar Jahrzehnte lang durchlebt wurde, noch einmal zur Konzentration gebracht wird. Ich glaube, das ist die Eigenart dieses Buches und gleichzeitig auch die Vielschichtigkeit.

Ja, der Eindruck, dieser Roman sei so etwas wie das, was Philosophen oder Theologen früherer Jahrhunderte schon im Titel ihre „Summe“ nannten, drängt sich auf; genau daher rührt aber meine Schwierigkeit, die andere Leser vielleicht teilen werden: Wer nicht genau Ihre literarische und politische Entwicklung und Ihre erzählerischen und dramatischen Werke kennt und wer sich nicht gut auskennt in der politischen Geschichte dieses Jahrhunderts, vor allem nicht in der Geschichte der revolutionären Bewegung und ihrer ideologischen Grabenkämpfe, der hat Schwierigkeiten mit diesem Buch.

PETER WEISS: Der Leser wird in die gleiche Schwierigkeit versetzt, in die der Autor sich selbst versetzt hat beim Schreiben dieses Buches. Es werden an den Leser ziemlich hohe Ansprüche gestellt: Ansprüche der Konzentration, des Mitdenkens, des Forschens, der eigenen Aktivität – genau wie ich sie mir beim Schreiben gestellt habe. Aber der Stoff ist so komplex, daß es nicht anders möglich war. Es war nicht möglich, die Geschehnisse auf eine einfache, eindimensionale Art zu beschreiben; es mußte auf verschiedenen Ebenen gearbeitet werden. Das Buch ist die Darstellung eines dialektischen Prozesses, in dem ständig nach der Synthese gesucht wird.

Wer ist das „Ich“ dieses Romans, ein Ich, das denselben Geburtstag hat wie Sie, den achten November, das Sie aber um ein Jahr jünger machen und im Jahr der Oktoberrevolution 1917 geboren werden lassen; ein „Ich“, dessen Vater, wie der Ihre, aus Ungarn kommt, das aber nicht im bürgerlichen, sondern im proletarischen Milieu von Bremen und Berlin aufwächst?

PETER WEISS: Es ist eine Wunschautobiographie. Eine Selbstbiographie, die in sehr vielem meiner eigenen Entwicklung folgt, die aber gleichzeitig das Experiment macht: wie wäre ich geworden, wie hätte ich mich entwickelt, wenn ich nicht aus bürgerlich-kleinbürgerlichem Milieu käme, sondern aus proletarischem. Das ist eines der Themen. Daß ich die andere gesellschaftliche Ebene, auf die ich den Ich-Erzähler versetze, überhaupt schildern kann, ist nur möglich, nachdem ich diese vielen Jahre der politischen Entwicklung durchgegangen bin.

Wer sind Heilmann und Coppi, die beiden Freunde des Erzählers? Sind das reale Figuren, oder Absplitterungen des „Ich“: politisch bewußtes Arbeiterkind der eine, frühreifes, hochgebildetes Kind aus einer Nobelwohnung im Berliner Westend der andere, Heilmann?

PETER WEISS: Alle Figuren im Buch sind authentisch. Heilmann und Coppi sind junge Antifaschisten, die als junge Widerstandskämpfer in der Gruppe „Rote Kapelle“ hingerichtet wurden. Keine einzige Gestalt kommt vor, die nicht ihre Authentizität hat. Soweit die Figuren, die genannt werden, noch am Leben sind, habe ich sie sehr ausführlich interviewt. Ich habe ungefähr ein Jahr lang mit Vorarbeiten verbracht, habe Tagebücher und Briefe gelesen und mich mit den Menschen, die vor allem im zweiten Band vorkommen werden, sehr ausgiebig unterhalten, so daß eine Brechung entstanden ist zwischen authentischen und gedichteten Figuren. Denn die Figuren sind natürlich nicht nur authentisch: Sie werden ja nicht behandelt wie in einem Dokumentarbericht, sondern gesehen durch eine bestimmte Ich-Figur, durch einen Fokus. Sie werden also durch eine subjektive Erzählerfigur zu einer ganz bestimmten Wirkungskraft gebracht. Man kann also nicht sagen: es sind Biographien dieser Menschen – obgleich ihre Lebensberichte bezogen sind auf wirkliches Material.

Sie komplizieren die Sache aber durch – sagen wir mal: halbrealistische Szenen, etwa, wenn sie den Vater des Erzählers mit einer nun wirklich ganz und gar authentischen Figur, nämlich mit einer Gestalt der Zeitgeschichte, mit Herbert Wehner, zusammenbringen und diskutieren lassen. Wieso gehen Sie da auf eine reale Figur zurück und erfinden dem Vater nicht einen fiktiven oder einen weniger kräftig umrissenen Gesprächspartner?

PETER WEISS: Ich wollte die Wirklichkeit so greifbar wie möglich lassen. Um den Wirklichkeitsgrad des Buches so weit wie möglich zu steigern und um die Ich-Figur so real wie möglich wirken zu lassen, muß sie zwischen lebendigen Figuren stehen. Es muß also begreifbar gemacht werden, wie diese Figuren gelebt haben, wie sie reagiert haben in dieser Zeit. Das schien mir, nach den langen Vorarbeiten, der günstigste Weg: daß ich mir Figuren heraushebe, die für mich wirklich waren. Viele von ihnen standen mir in der Realität nahe. Ich versuchte, den Wirklichkeitswert zu steigern und zu kontrastieren mit dem subjektiven Erlebniskreis des Ich-Erzählers. Hätte ich nur erfundene Figuren neben diesen Erzähler gestellt, dann hätte das Buch für mich beim Schreiben nicht die gleiche Spannung gehabt. Ich stelle mich also, fiktiv, zwischen wirkliche Menschen; an den Aktionen hätte ich teilnehmen können, wenn ich damals schon so politisch bewußt gewesen wäre wie heute. In diesen Sinn ist es für mich eine philosophische Frage: Wie hätte ich mich betragen zwischen diesen Menschen damals? In der Emigration bin ich an ihnen vorbeigegangen. Jetzt versuche ich, meine Zusammengehörigkeit mit ihnen herzustellen.

In Ihren Erzählungen gehen Sie zurück in die Kindheit, während Sie in den Dramen historische Figuren wählen. Suchen Sie, wenn Sie Prosa schreiben, den Punkt in Ihrem Leben, wo eine Weiche gestellt wurde? Gibt es Entscheidungen, Versäumnisse, über die Sie nicht hinwegkommen? Auf „Die Ästhetik des Widerstands“ bezogen: Welchen Stellenwert hat Spanien? Hätten Sie in Bürgerkrieg 1936 bis 1939 gern in einer der Internationalen Brigaden gekämpft wie der Ich-Erzähler Ihres Romans?

PETER WEISS: Ja, weil Vietnam für mich diese ungeheure, starke Bedeutung hatte, für mein ganzes Leben, für meine politische Entwicklung. Und Spanien war ja das Vietnam für die Generation, zu der ich damals gehörte. Ich hätte 1937/38 schon in Spanien sein können, wenn ich die politische Überzeugung gehabt hätte, wenn ich die Kraft gehabt hätte. Denn was die Menschen damals in Spanien erlebt haben, ist das gleiche, was die Generation heute erlebt im Zusammenhang mit Vietnam. Es ging damals um die gleichen Dinge, Bestrebungen zur Volksfront, Frage nach dem Wesen der kommunistischen Parteien. Und ich versuche hier eigentlich mein eigenes Ich zu konsolidieren – das ist, glaube ich, die Absicht gewesen. Für mich war es wichtig, nach zehn, zwanzig Jahren politisch bewußter Arbeit an meinem eigenen Ich zu arbeiten, jetzt nicht subjektiv autobiographisch, sondern in Form einer Autobiographie, die symptomatisch ist für eine bestimmte Zeit. –

Wenn wir so über Ihr Buch sprechen, könnte man meinen, es handle sich um einen ganz konkret politischen, halb autobiographischen Roman; dabei lebt das Buch, gerade schon mit dem Beginn einer über zwanzig Seiten ausgreifenden Bildbeschreibung und -deutung des Frieses von Pergamon-Altar, ganz stark aus dem Essay. Welchen Wert, auch: welchen Stellenwert haben die Beschreibungen und Neudeutungen antiker mythologischer oder historischer Figuren?

PETER WEISS: Der Titel des Buches: „Die Ästhetik des Widerstands“ weist schon darauf hin, daß es nicht darum geht, einen reinen Roman des Widerstands gegen den Faschismus zu schreiben. Die Ästhetik des Widerstands soll andeuten, daß es darum geht, sich kulturelle Werte zu erobern und gleichzeitig gegen den Faschismus zu kämpfen. Der Ich-Erzähler steh also unter dem Druck der Gesellschaft, die ihm versagt, Zugang zu finden zur Literatur, zur Kunst. Diese Dinge interessieren ihn und die Gruppe, in der er lebt. Das Buch schildert diesen Kampf, zu den Werten der Kultur zu kommen, sich selbst einen Ausdruck zu suchen für die eigenen Probleme philosophischer, literarischer, künstlerischer Art. Gleichzeitig steht der Erzähler unter dem Druck der Zeit, der verschärf: ist durch die Gewalt des Faschismus. Also da ist diese doppelte Ebene wieder, von Kunst und Politik.

Ihre Erzählung „Abschied von den Eltern“ ist ohne Absatz durchgeschrieben. Ich verstehe die Sprachgestalt so: Hier befreit sich jemand von einem großen Druck, und das muß in einem großen durchgehenden Akt der Selbstaussage und des Sich-selbst-Findens niedergeschrieben werden. Die großen absatzlosen Passagen Ihres auf ungewöhnlich großformatigen Seiten gedruckten neuen Romans aber machen mir Schwierigkeiten. Welches ist hier der Kunstcharakter, da ja, wegen der essayistischen Passagen, von einem atemlosen Erzählen der Selbstfindung eines Autors schwerlich gesprochen werden kann?

PETER WEISS: Doch, diese Blöcke, die entsprechen auch meinem ästhetischen Empfinden. Ich finde es einfach schön, wenn eine große geschlossene Buchseite da ist. Mich stören die Absätze, mich stören sogar die Fragezeichen, Ausrufezeichen, Bindestriche. Es gehört für mich zur Ästhetik dieses Komplexes, daß der Ich-Erzählei mit großen Blöcken konfrontiert ist, die nicht zu teilen sind; es geschieht eben alles in einer ungeheuren Geschlossenheit. Und jeder dieser großen Blöcke muß penetriert werden. Da ist schon die geringste Unterbrechung störend; das wäre schon. ein Atemholen, aber für den Erzähler gibt es dieses Atemholen nicht, sondern er steckt drin in dieser unsäglichen Mühe, aus der Geschlossenheit, der Dichtigkeit etwas herauszufinden für sich, was tauglich ist für seine Weiterentwicklung – und deshalb ist dieser Blockcharakter notwendig.

Noch eine Frage zur Sprachgestalt des Romans. Sie unterdrücken oft unbetonte Vokale in Wörtern. Sie sprechen von „Erneurung“, immer heißt es „Verändrung“, nicht etwa „Veränderung“. Die Elision treiben Sie so weit, daß Sie das Stammwort im Schriftbild zerstören, etwa wenn Sie sagen, etwas werde „pulvrisiert“. Ich verstehe: Sie wollen nicht schriftliche Wiedergabe der Umgangssprache, wie sie Arno Schmidt in manchen seiner Texte anstrebt. Was aber wollen Sie?

PETER WEISS: Das gehört auch zur Geschlossenheit, Gedrängtheit des Blockcharakters dieses Buches. Wie ich keine Fragezeichen oder Gedankenstriche setze, möchte ich die Worte auch so konzentrieren, in sich zusammenziehen wie nur irgend möglich. Das kommt ja auch im frühen Deutsch so vor. Wahrscheinlich durch Hölderlin und meine Studien über Hölderlin bin ich darauf gekommen. Vereinfachung bis zum Äußersten, völlige Kompaktheit.

Gerade der Anfang Ihres Romans, Beschreibung und marxistische Deutung der Herakles-Sage, erinnert mich an Heiner Müllers Versuche, in seinen Dramen antike oder mythologische Figuren oder Situationen als Modelle für die heutige Zeit zu präparieren. Stört Sie dieser Vergleich?

PETER WEISS: Nein. Natürlich ist es so, daß mit diesem großen antiken Thema der Pergamon-Welt das Grundthema schon am Anfang des Buches angeschlagen ist: Oben und Unten, Herrscher und Beherrschte, der ewige Kampf zwischen den Klassen. Dieses Thema geht durch und wird noch stärker werden im zweiten Teil. Es soll ja nicht nur gezeigt werden, wie das Leben unter dem Faschismus war, sondern vor allem, wie das Leben unter Menschen ist, die unterdrückt leben und die nach Wegen suchen, sich von diesem Druck zu befreien.

Es gibt für mich eigentlich nur eine Stelle, wo ich eine Beziehung sehe zu Ihren früheren erzählerischen Arbeiten: die Vision des Ich-Erzählers in der Küche, wenn sich plötzlich der Boden hebt und der Vater aus der Erde aufsteigt und mit dem Sohn spricht. Welche Funktion hat diese surreale Szene innerhalb eines um Realismus bemühten Romans?

PETER WEISS: Diese Traumszene ist auch sehr stark verflochten mit Autobiographischem. Indem der Ich-Erzähler sich in eine andere soziale Situation begibt, muß auch seine Beziehung zu Vater und Mutter neu verarbeitet werden. Ich versuche herauszufinden, wie die Beziehung zu meinen Eltern gewesen wäre, wenn sie aus dieser gesellschaftlichen Ebene gekommen wären. Und so werden da Veränderungen vorgenommen. Und die Beziehung zum Vater ist sehr wichtig für das ganze Buch. Es wird hier etwas aufgearbeitet, was ich früher nie getan habe, weil ich viel zu sehr behindert war von meinen subjektiven Erlebnissen.

Wie sind Sie zu dem besonderen Stil dieses Buches gekommen, das für mich oft den Charakter eines nüchternen, um Objektivität bemühten Geschichtsbuches hat und sich dadurch stark von den vier früheren Prosaarbeiten unterscheidet, die wilder, expressionistischer waren?

PETER WEISS: Ich wollte versuchen zu zeigen, wie jeder Schritt, jede Bewegung, die wir in unserem persönlichen Leben vollziehen, zusammenhängen mit der politischen Wirklichkeit. Deshalb die ganz nüchternen politischen Abschnitte. Der Ich-Erzähler steht wie alle anderen Menschen zwischen den politischen Geschehnissen. Deshalb war es notwendig, genau herauszufinden, wie diese politische Wirklichkeit aussieht. Bei meinen früheren Büchern habe ich darauf gepfiffen. Ich habe mich da nur darum gekümmert, was meinem subjektiven Ich wesentlich war, meine Träume, meine eigenen abseitigen Vorstellungen in der Emigration, also die des Außenseiters.

Für wen schreiben Sie? An welche Leser denken Sie mit diesem Roman? Auch wer die Bilder kennt, die Sie auf vielen Seiten ausführlich beschreiben, wünscht sich manchmal Abbildungen im Text, weil vieles leichter verständlich würde. Zum anderen: all die Innereien der Kämpfe in den kommunistischen Parteien verschiedener Länder interessieren vornehmlich Leute, denen malerische Subtilitäten eines jahrhundertealten Gemäldes ziemlich egal sind. Überspitzt formuliert: wie für Ihr „Trotzkij“-Stück sitzen verständige Leser vor allem im sozialistischen Lager, etwa in der DDR, wo Ihr „Trotzkij“ ja noch in biographischen Notizen totgeschwiegen wird. Glauben Sie, daß Ihr Roman, der sich mit allen Fehlentwicklungen auch des Personenkults auseinandersetzt, in der DDR wird erscheinen dürfen?

PETER WEISS: Ich hoffe es sehr, ich hoffe es sehr. Was die Namen, die politischen Geschehnisse betrifft: die sind dem Erzähler ja auch schwierig. Das muß so sein. Die Namen stehen da wie Meilensteine. Ich glaube nicht, daß es notwendig ist, daß man diese ganzen Menschen kennt. Es soll nur gezeigt werden, in welcher Einengung diese politisch aktiven Menschen standen, wie schwierig es war, sich zurechtzufinden, herauszufinden, wo nun eigentlich der und der steht, für was er einsteht. Damals wußten ja auch die bewußtesten politischen Menschen nicht, wo ihr nächster Partner stand, wohin er im nächsten Augenblick geraten würde. Es gilt also, eine Topographie herzustellen von einem ganz bestimmten Lebensbezirk. Ein komplizierter Prozeß – aber es war auch eine komplizierte Periode. Ich hätte sie nicht einfacher schildern können. Und so abseitig ist diese Welt ja nicht. Durch die Thematik ist sie uns ganz nah. Wir haben den militärischen Krieg in Vietnam hinter uns; aber Portugal – da stecken wir doch mittendrin, und Chile auch; wir wissen nicht, was in Spanien in der nächsten Zeit geschehen wird; in Italien, in Frankreich sind große Bewegungen im Gange, die wieder zu einer Volksfront streben. Einem politisch bewußten Menschen brennt die Thematik doch auf der Haut. Deshalb glaube ich, daß Menschen, die politisch denken, sich für dieses Buch interessieren können: wie es dazu gekommen ist, so wie es heute aussieht.

Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet?

PETER WEISS: Fast vier Jahre. Davon fast ein Jahr mit Vorstudien. Sehr viel Literatur, Quellenstudien. Im zweiten Band wird in einer Bibliographie alles aufgeführt werden. Dann drei Jahre Schreiben. Der zweite Band, den ich jetzt anfange, setzt direkt nach Spanien in Paris ein, im September 1938, und führt den Erzähler nach Schweden.