Vielleicht wollte der Dr. phil. Siegfried Fischer, der unter dem Pseudonym S. Fischer-Fabian heute – so heißt es auf dem Schutzumschlag – „als erfolgreicher Journalist in aller Welt beschäftigt“ ist, mit seinem Buch über die Germanen nur einmal mehr erfolgreich sein: dann hat er sein Ziel erreicht, und man kann ihm gratulieren; mit Hilfe vieler großer Zeitungsanzeigen kam er rasch auf die Bestsellerliste:

S. Fischer-Fabian: „Die ersten Deutschen. Der Bericht über das rätselhafte Volk der Germanen“; Droemer Knaur Verlag, München 1975; 384 S., 52 Abb., 29,80 DM.

Möglicherweise aber wollte der Autor wirklich, wie er selber es auf eine seltsam verquere Art angibt, jenen „Prozeß“ darstellen, „der die Entstehung der ersten Deutschen zeitigte“; dann wäre zu Gratulationen allerdings kein Anlaß. Denn dies erklärte Ziel hat er nicht erreicht, weil er es seinem Buch gerade an „Zeitigung“ so sehr hatfehlen lassen.

Aber nicht nur an Zeitigung – womit dieser altmodische Ausdruck für Reifung hier ein letztes Mal bemüht sein soll – fehlt es dem Buch; eigentlich ist es, gemessen an dem Versprechen des Autors in seinem „Wort zuvor“ noch überhaupt nicht zustande gekommen. Da verweist er auf „hervorragende Forschungsergebnisse“ der „Vor- und Frühgeschichtler, der Altphilologen, der Germanisten, der Linguisten, der Archäologen ... gerade in den letzten Jahrzehnten“, die ein neues Bild der Germanen ergäben, das „dem großen Publikum“ endlich gezeigt werden müsse, den Deutschen zumal, damit sie „ein Verhältnis zu ihrer Vergangenheit gewinnen“, aber dann zimmert er sich von den Germanen doch wieder „sein eigen Gebild“ zurecht, indem er sich im wesentlichen auf die ältere Literatur verläßt und auf die (alt-)römischen Historiker und Geschichtenerzähler, die er mit kritikloser Gläubigkeit nacherzählt.

Daß er die römischen Legionäre nach ihrem Sieg über die Kimbern „durch ein Meer von Blut waten“ läßt, könnte man noch als flotten Illustriertenstil in Kauf nehmen; enttäuschend aber ist, daß die in der Einleitung erwähnten „zahllosen wissenschaftlichen Publikationen“ der letzten 25 Jahre im Buch gar nicht vorkommen, von zwei, drei Arbeiten einmal abgesehen. Zu diesen gehört das vor vier Jahren erschienene Buch „Die Germanen“ von dem Saarbrücker Professor für Vor- und Frühgeschichte Rolf Hachmann, das viel Aufsehen erregte, weil darin behauptet wurde, die Germanen seien eine Erfindung Cäsars, in Wahrheit seien sie Kelten gewesen. Aber auch damit setzt sich Fischer-Fabian nicht wirklich auseinander.

Und so ist es denn kein Wunder, daß sich sein Germanen-Bild von eben jenem, das er als Legende entlarven will (und das in der Tat überholt ist), kaum unterscheidet. Die von ihm zitierten furchterregenden Riesen „mit Rauschebart, zwei Hörnern auf dem Kopf und wild wallendem Haar, die den größten Teil des Tages damit verbrachten, am Ufer des Rheins zu liegen und immer noch eins zu trinken“, hat es für die Forschung nie gegeben. Es ist also völlig belanglos, daß er sich die „biertrinkenden Bärenhäuter“ als Pappkameraden aufstellt, um sie dann in der Rolle des Legendenkillers wieder umzuwerfen – belanglos nicht nur für die Historiker (für die er ja freilich nicht schreibt), sondern genatso für die Laien, die denn so falsch doch nicht unterrichtet sein dürften, jedenfalls nicht bevor sie Fischer-Fabian gelesen haben. Hernach schon eher. Denn Fischer-Fabian, dem von seinem Verlag „Genauigkeit im Detail“ bescheinigt wird, ist manchmal erschreckend ungenau.

So meint er zum Beispiel, die Abgesandten der Kimbern und Teutonen, die um das Jahr 105 v. Chr. zu Verhandlungen nach Rom kamen, hatten „nach der trotzigen Devise gehandelt ‚Bloß nicht imponieren lassen!‘“ Dies schließt er daraus, daß sich die Abgesandten, die doch aus primitiven Lehmhütten gekommen seien, ihr Staunen über Rom, die „Göttin der Länder und der Völker“, die „Stadt, der nichts gleichkommt“ (wie Martial sie später pries) nicht im geringsten hätten anmerken lassen: Sie ignorierten die „Gärten und Parks“, „die zahllosen Tempel“, die „Mietskasernen“ ebenso wie die „komfortablen Villen“, die „Badewannen“, das „Basaltpflaster“, die „Post und Propaganda“, „Fabriken und Feuerwehren“; „400 000 Menschen lebten hier, Alliierten über die Straßen und Plätze, vorbei in den Luxusgeschäften, den Springbrunnen, den Patrizierhäusern mit ihren goldschimmernden Statuen; erfüllten mit ihrem Geschrei den Circus Maximus bei Gladiatorenkämpfen und Tierhatzen ...“