Schelklingen

Auf schwäbischen Rathäusern ist vieles möglich, Vetterles-Wirtschaft, Geldgeschäfte, Rankünen. Man darf nur nicht auffallen! Wer „a Unruhe in a G’moind neibringt“, und den braven Stadtnamen, womöglich noch in anrüchigem Zusammenhang, in die Schlagzeilen rückt, wer politisiert, mit dem Großen spekuliert und schwadroniert, den sehen die ehrbaren Bürger augenblicklich in der Reihe der Seiltänzer, Kesselflicker und Scherenschleifer. Hans-Joachim Bäuchle, zusammen mit seiner forschen Frau Ellen schillernder Kronzeuge in der Affäre Steiner-Wienand, hat dies in aller Deutlichkeit erleben können. Dem soignierten Ehepaar, das einmal die Chance verspürt hatte, im Leben auch das Außergewöhnliche zu wagen, ist der verunglückte Auftritt auf der Bonner Skandalbühne im Sommer 1973 genauso bekommen, wie dem Schneider von Ulm das Fliegen.

Seit zwei Jahren ficht Bäuchle einen schier aussichtslosen Kampf gegen einen Sturz aus der behaglichen Etage schwäbischer Kommunalhonoratioren, welcher der Affäre folgen mußte wie dem Blitz der Donner. Jetzt erst ist auf Hans-Joachim Bäuchles jäh verödetem Acker wieder ein zartes Blümchen aufgegangen: Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hat einem Einspruch gegen die Bürgermeisterwahl im 5500-Einwohner-Städtchen Schelklingen am Fuß der Schwäbischen Alb stattgegeben. Bei dieser Wahl war Bäuchle am 10. November vergangenen Jahres unter bitteren Umständen aus dem Schelklinger Bürgermeisterstuhl gekippt worden, auf dem er seit 1961 saß.

Bis dahin hatte Bäuchles Fall System gehabt und war wesentlich qualvoller verlaufen, als es sein und der nicht minder gemütliche Name seines Städtchens vermuten lassen. Die SPD, die ihn nach einer stümperhaften Pressekampagne nur noch als „wichtigtuerischen Hinterbänkler“ behandelte, entließ ihn zum Auftakt aus dem Amt eines Fraktionsvorsitzenden im Ulmer Kreistag. Einem Parteiausschlußverfahren kam der ehemalige Bundestagsabgeordnete durch einen Austritt zuvor. Dann legte die kommunale Opposition zum Fangschuß auf ihren waidwunden „Schultes“ an. Die CDU und die Liste der parteiungebundenen „freien Wähler“ im Gemeinderat spulten ein perfektes Demontageprogramm ab.

Man publizierte Unterlagen, aus denen hervorging, daß Bäuchle für den Bau seiner Villa in Schelklingen von einer renommierten Zementfirma 114 Tonnen Zement zum Großhandelspreis und weitere elf Tonnen geschenkt bekommen hatte. Auch die Kücheneinrichtung beschaffte sich Bäuchle billig: Über Sonderrabatte der Schelklinger Stadtwerke. Und schließlich hatten CDU-Späher protokolliert, daß der Schultheiß von Schelklingen städtische Arbeiter zum Unkrautjäten und „zwei Tage lang zur Humusbeifuhr“ eingesetzt hatte.

Die Ulmer Staatsanwaltschaft, die sich wegen des Verdachts des Amtsmißbrauchs eingeschaltet hatte, konnte allerdings kein „strafrechtlich relevantes Verhalten“ entdecken. Im Gegenzug dazu fanden Bäuchles schwache Hilfstruppen heraus, daß auch die freien Wähler von Schelklingen Dreck am Stecken haben. Sie gründeten zusammen mit Bankaufsichtsräten und Architekten eine „Baubetreuungsgesellschaft mbH u. Co. KG.“ um ihre Sitze im Bauausschuß des Gemeinderats auch wirtschaftlich nutzen zu können. Doch solche Gegenangriffe halfen dem angeschlagenen Bürgermeister nicht.

Wenig später entdeckte ein CDU-Gemeinderat, daß Bäuchle jahrelang seinen Namen galant als „Baeuchle“ geführt hatte, was allenfalls ein Licht auf seinen provinzlerischen Ehrgeiz und nicht auf seine Fähigkeiten als Bürgermeister werfen konnte. Das Landratsamt, von der Opposition mobilisiert, legte unter Hinweis auf das Geburtsregister dem smarten „Schulteß“ wieder die Bande seiner schwäbischen Ahnen an und hieß ihn, sich fortan wieder „Bäuchle“, also mit Umlaut, zu nennen.

Für den eigentlich tödlichen Schuß aber waren CDU und freie Wähler in Schelklingen sogar bereit, die Existenz der Stadt aufs Spiel zu setzen. Als im Zug der Gemeindereform der Zusammenschluß Schelklingens mit zwei Nachbardörfern anstand, beschloß der Gemeinderat gegen den massiven Widerstand Bäuchles, die Dörfer nicht einfach einzugemeinden, was der Stadt erheblich politische Vorteile belassen hätte, sondern eine völlig neue Stadt zu gründen. Niemand von der Opposition verhehlte, daß dieser Schritt dem einzigen Zweck diente, den noch bis 1981 gewählten Bäuchle vollends kaltzustellen. Denn nur bei einer Neugründung der Kommune wäre auch die Neuwahl eines Bürgermeisters notwendig.

Doch Bäuchle gab auch nicht auf, als die Schelklinger SPD, die noch bis zum Schluß zu ihm gehalten hätte, ihm jetzt den Rücken kehrte und darauf verzichtete, ihn oder einen anderen Sozialdemokraten aufzustellen. Damit wollte die SPD dem farblosen Stadtpfleger und CDU-Kandidaten Rudolf Stützel in den Sattel helfen. Bäuchle bewarb sich daraufhin als freier Kandidat. Der Wahlkampf war für die Schelklinger dann der beste Anlaß, alles das über Bäuchle auszuschütten, was er und seine Gegner in den vergangenen Monaten seit der Affäre Steiner-Wienand angehäuft hatte. Bürgermeisterwahlen lösen hier ähnliche Wirkungen aus, wie ein Fußballspiel unter Schlachtenbummlern. Aber der Schelklinger Wahlkampf übertraf alles. Wie stark dabei nicht nur die kommunalen Skandälchen Bäuchles Früchte trugen, sondern vor allem auch der Auftritt des Bürgermeisterpaares in Bonn, bewies ein Flugblatt, das ein Ortsvorsteher einen Tag vor der Wahl verbreiten ließ. Darin hieß es, man dürfe die neugegründete Stadt „durch Bäuchle nicht beschmieren lassen“, sondern könne dem schillernden Kandidaten nur „mit Verachtung begegnen“. Bäuchle unterlag denn auch dem CDU-Kandidaten.

Für den Ulmer Landrat Buehler (CDU), der die Wahlbeschwerde Bäuchles (wegen „beleidigender und diffamierender Äußerungen“) als erster zu prüfen hatte, waren die Angriffe gegen den ehemaligen Bürgermeister nicht so schlimm. Man dürfe, so hieß es in einem ablehnenden Bescheid, „nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“. Der Bürger und Wähler tue dies ja auch nicht. Doch das Verwaltungsgericht gab Bäuchle recht.

Trotzdem: Hans-Joachim Bäuchle, der einmal Bürgermeister, ÖTV- und SPD-Kreisvorsitzender, Aufsichtsrat in kommunalen Unternehmen, Bundestagsabgeordneter, Kreisverordneter und Gerichtsgeschworener gewesen war, wird sich auch bei einer Wiederholung der Schelklinger Bürgermeisterwahl nicht mehr erholen. Denn nicht nur das Spekulieren mit der „großen Politik“ ist unter den Schwaben verpönt, sondern auch das Prozessieren. Jörg Bischoff