Hannover

Manche Zeitungsleser in der Bundesrepublik trauten ihren Augen nicht: Nur 4800 Mark Geldstrafe für einen Mann, der seit drei Jahren als Komplize, Sympathisant und geistiger Wegbereiter der Terroristen um Baader und Meinhof angeprangert worden war? Nur ein Verhandlungstag für einen Prozeß, der allen Voraussagen nach mindestens sieben Tage dauern sollte? Peter Brückner, Professor für Psychologie an der Technischen Universität Hannover, wurde zwar von der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Hannover für schuldig befunden, er habe im November 1970 die steckbrieflich gesuchte Ulrike Meinhof in seiner Wohnung beherbergt. Doch sogar der Staatsanwalt wollte den Tatbestand nur als Akt „unreflektierter Solidarität“ verstanden wissen; er hielt dem Angeklagten zugute, daß er „sich nicht in das Geschäft Baader/Meinhof eingelassen habe“ und in jüngeren Veröffentlichungen dem verbrecherischen Tun dieser Gruppe eine klare Absage erteilt hat.

Dieses Plädoyer war so etwas wie eine moralische Wiedergutmachung für einen Gelehrten, dessen Porträt im August 1972 (zusammen mit den Bildern der Professoren Seifert, Mitscherlich und Gollwitzer, der Schriftsteller Günter Grass und Heinrich Böll und des Publizisten Rudolf Augstein) auf der Titelseite des Deutschlandmagazins abgebildet wurde – mit der diskriminierenden Schlagzeile „Die geistigen Bombenwerfer“.

Diese Brandmarkung war kein Einzelfall. Die bürgerliche Hannoversche Allgemeine Zeitung etwa ließ sich dazu verleiten, die jüdische Abstammung und den Widerstand Professor Brückners im Dritten Reich anzuzweifeln; die sozialdemokratische Hamburger Morgenpost trieb die Geschmacklosigkeit gar so weit, einen Artikel mit je einem Photo Brückners und Ulrike Meinhofs mit der Zeile „Im Bett macht Ulrike Meinhof ihren Männern Mut“ zu überschreiben.

Das Gericht blieb unter dem Strafantrag des Staatsanwalts, der 7200 Mark Geldstrafe für angemessen hielt. Brückner habe, so seine Begründung, als Zeitungsleser von dem erheblichen Verdacht gegen Ulrike Meinhof wissen müssen. Wenn er sie nicht schon von früher her kannte, so hätte er sie doch wegen der vielen veröffentlichten Fahndungsphotos erkennen können.

Die Verteidiger bemühten dagegen die Aussage des ehemaligen Baader-Meinhof-Komplizen Karl-Heinz Ruhland, demzufolge Ulrike Meinhof sich seinerzeit in ihrer Tarnung – kurze, gefärbte Haare – sehr sicher fühlte. Brückner habe sie weder von früher her gekannt noch – so getarnt – erkennen müssen. Darum sei er freizusprechen.

Jene, die ein milderes Urteil für möglich gehalten hatten, berücksichtigen nicht, daß auch das Gericht ein Teil jener Öffentlichkeit ist, die nun mit Überraschung feststellt, daß juristisch eine aktive Komplizenschaft Brückners mit den Terroristen jeder Grundlage entbehrt. Professor Brückner will nicht in die Revision gehen, doch ist sein „Fall“ noch nicht abgeschlossen. Der Kultusminister muß nun die beamtenrechtlichen Konsequenzen aus diesem Urteil ziehen.

Läßt Brückners Dienstherr, der niedersächsische Minister Joist Grolle, bei seiner Entscheidung dieselbe Sachlichkeit walten, mit der Staatsanwalt Borchers im Strafverfahren festgestellt hat: „Ob jemand Marxist ist oder nicht, spielt hier absolut keine Rolle“, so kommt er vielleicht zu dem gleichen Schluß wie der bedeutende Literaturwissenschaftler Hans Mayer. Dieser hatte schon im April 1972 in den Frankfurter Heften geschrieben: „Würde Peter Brückner – im Namen der Staatstreue – aus dem Lehreramt entfernt, so wäre das kein Vollzug, sondern eine Verletzung des Grundgesetzes.“ Stephan Lohr