Schatten, die sozialdemokratische Parteitage werfen, sind immer besonders lang, weil deutsche Gründlichkeit die ganze Partei beflügelt. So schlagen sich die Energien der Basis von Mal zu Mal in einer sich steigenden Antragsflut nieder. Für den Mannheimer Parteitag, dessen Organisation weitgehend einem privaten Organisationsbüro übertragen wurde, sind 1429 Anträge formuliert worden, davon allein 1007 zum Orientierungsrahmen 85.

„Die SPD“, so stöhnte ein Mitglied der Antragskommission, „demokratisiert sich zu Tode.“ Wenn damit gemeint war, daß die innerparteiliche Demokratie Gefahr läuft, unter den Papierbergen zu ersticken, so hätte der Mann recht. Denn nichts erleichtert dem sozialdemokratischen Parteivorstand die Regie, die Arbeit und die Lenkung des Parteitages, mit einem anderen Wort Manipulierbarkeit, mehr als die Masse der Anträge. Zwei der vielen Tricks: Aus vielem pickt man sich weniges, packt es in einen Vorstandsantrag und gibt es zur Beratung und Beschlußfassung frei. Oder, Methode zwei: Man läßt die Delegierten endlos über Anträge reden und schließlich unter Zeitdruck ohne weitere Diskussionen abstimmen. Demokratie ist, wenn man sich trotzdem durchsetzt.

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Martin Bangemann, der ohne Ruhmeslorbeer dem Amt des Generalsekretärs der FDP entsagen mußte und der gerade dabei ist, von seiner eigenen Landsmannschaft aus demselben Anlaß geprügelt zu werden, der ihn letztlich seine Parteidomäne gekostet hat – die Koalitionsfrage – hat immerhin eines bewirkt: Er wird keinen Nachfolger haben. Dem FDP-Parteitag Ende dieses Monats wird der Vorsitzende Genscher keinen neuen Generalsekretär vorschlagen. Genscher wollte so recht nicht mehr, und auch sein favorisierter Parteigänger, Gerhart Baum, Parlamentarischer Staatssekretär bei Innenminister Maihofer, mochte nicht nach der stacheligen Krone greifen. In dem einen Jahr hätte er nicht mehr viel Eigenschöpferisches tun können.

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Personen und ihre Konflikte: Über Günter Gaus’ Verhältnis zu Helmut Schmidt oder besser umgekehrt müssen die amtlichen Sprachkosmetiker in Born immer wieder das freundliche Make-up des Einvernehmens tupfen. Eben wieder hieß es, Günter Gaus wolle sein Am aufgeben, was, so die einen, verständlich sei, da der Kanzler seinen Ostberliner Missionär ständig übergehe; eine Behauptung, die sich immer noch auf die verunglückten Sonderverhandlungen des Staatssekretärs Pöhl letztes Jahr an Gau vorbei bezieht. Gaus habe wegen der Wirkungslosigkeit seines Amts die Lusi verloren.

Wahr ist an allem nur ein ganz bescheidener Teil. Gaus war tatsächlich verärgert über Pöhls Mission, und die Grenze seiner Wirkungen in Ostberlir hat er sehr schnell erkannt. Doch beides treibt ihn nicht zur Resignation, und schon gar nicht Helmut Schmidt. Freunde sind sie einander nicht, aber zur sachlichen Zusammenarbeit reicht es wohl, Überdies ist Gaus, was seinen wenigen Freunden und seinen vielen Gegnern gleichermaßen aufgefallen ist, die Metamorphose vom Spiegel-Chefredakteur zum Diplomaten, der eine Brise Geschichte im Rücken weiß, exzellent gelungen. Nur eines hat er immer noch nicht abgelegt: Er muß das letzte Wort behalten. So auch jetzt. Daß Regierungssprecher Bölling die jüngsten Gerüchte dementierte, genügte Gaus nicht. Ei mußte es auch noch bekräftigen.