Von Otto Keimer und Arnd Stein

Immer wieder wird die Öffentlichkeit von Verbrechen schockiert, deren Täter Jugendliche oder gar Kinder sind. Unbegreiflich erscheinen diese Delikte, weil die gemeinhin bekannten Tatmotive (Habgier, Rache) oft keine Rolle mehr spielen. Die Verbrechen sind gewissermaßen unpersönlich geworden, ihre Zielscheibe beliebig. Das Verbrechen scheint also oft seine Bedeutungals Mittel zum Zweck verloren zu haben, es wird mehr und mehr zum Selbstzweck, zu einem sinnlosen Zerstören.

Die viel beschworene „Brutalisierung der modernen Welt“ kommt in solchen Gewaltexzessen deutlich zum Ausdruck. Und die Suche nach den Ursachen dieser bedrohlichen Entwicklung hat einen fragwürdigen Erfolg erzielt: Die Suggestivkraft des Fernsehens verführte dazu, die Gewaltdarstellungen des elektronischen Schattenspiels als unmittelbare Ursache für den Aggressivitätsanstieg bei Kindern und Jugendlichen anzuklagen. Dieser bestechend einleuchtende Vorwurf hat sich durch rituelle Wiederholung allmählich zu einem Dogma verhärtet.

Auf wissenschaftlicher Ebene war man zunächst weniger voreingenommen. Im wesentlichen waren es drei Theorien, die zu den Wirkungen aggressiver Filme etwas sagen wollten.

Die Imitationstheorie von Albert Bandura behauptet, daß aggressive Filme eine „ansteckende“ Wirkung haben: Kinder sollen die vorgeführten aggressiven Handlungen fast automatisch in ihr eigenes Verhaltensrepertoire übernehmen. Auf eine knappe Formel gebracht: „Kinder ahmen eben alles nach, ob gut oder schlecht.“

Die Anreiztheorie, vertreten von Leonard Berkowitz und anderen, sieht als weitere bedenkliche Folge brutaler Filme eine allgemeine Erhöhung der Aggressionsbereitschaft. Die von einem solchen Film angestachelte Aggression kann also auch in anderer Form auftreten als in der Filmhandlung dargestellt.

Demgegenüber erklärt die Katharsistheorie von Seymor Feshbach, aggressive Filme hätten eine „läuternde“ Funktion: Sozusagen stellvertretend für eine tatsächlich ausgeführte Handlung bewirkt bereits die bloße Betrachtung einer entsprechenden Szene das Abreagieren eigener aggressiver Impulse. Aggressive Filme, sagt diese Theorie, erfüllen die Rolle eines Ventils für aggressiven Überdruck.

Die ersten beiden Theorien erfreuen sich einer ungleich größeren Beliebtheit als die „Ventiltheorie“. Dies fand natürlich einen unmittelbaren Ausdruck in der Forschung. Eine schier unüberblickbare Fülle psychologischer und soziologischer Untersuchungen scheint die Thesen einer Aggressionserhöhung durch harte Filme und Fernsehserien auf eine sichere wissenschaftliche Grundlage zu stellen.

Spätestens hier stellt sich die delikate Frage nach der Wissenschaftlichkeit der „wissenschaftlichen Beweise“. Es lohnt sich, genau nachzusehen, ob das, was da als „Aggression“ untersucht wurde, tatsächlich Aggression war. Es lohnt sich auch – allgemeiner gesehen – der Frage nachzugehen, ob die Ehrfurcht begründet ist, mit der man als Laie diesen psychologischen Experimenten zum Thema „Film- und Fernsehgewalt“ begegnet. Wie sehen die berühmten Experimente von Bandura aus, von denen viele sprechen, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, genau hinzusehen?

Fragwürdige Experimente

Vorschulkinder beobachteten einen Erwachsenen, der auf eine große Gummipuppe einschlug. Ein Teil der Kinder sah dieses „Schauspiel“ in natura, andere sahen einen Film dieser Szene, einen „Realfilm“ oder einen „Cartoonfilm“. Im Anschluß an diese Darbietung durfte sich jedes Kind mit verschiedenen Spielzeugen – darunter auch besagter Gummipuppe – beschäftigen. Wie von Albert Bandura erwartet, schlugen auch die Kinder, denen der herumtobende Erwachsene im Film gezeigt wurde, mächtig auf die wehrlose Gummipuppe ein.

Was war eigentlich „Aggression“ in diesem harmlosen Nachahmungsspiel? Die von Bandura als Aggression bezeichneten Spielhandlungen der Kinder sind nichts weiter als oberflächliche Imitationen des vorher Gezeigten. Sie haben nur eine scheinbare Ähnlichkeit mit echten, das heißt wirklich zerstörerischen Aggressionen. Man muß davon ausgehen, daß der bekannte Drang der Kinder, neue Verhaltensweisen spielerisch auszuprobieren, sie „nachzuäffen“, die Triebfeder der beobachteten „Aggressionen“ gegen die Gummipuppe war. Und das Opfer dieser „Aggressionen“, die Nachbildung eines Clowns, ist es nicht gleichsam eine Einladung zum Schlagen, Stoßen und Umherwerfen? Ist der Clown etwas anderes als die Symbolfigur des immer wieder Geneckten und spielerisch Angegriffenen, der diese Widrigkeiten ins Lächerliche zieht und sie dadurch entschärft? In Wirklichkeit haben also die Schläge der Kinder auf Banduras Gummipuppe mit Aggression ebenso viel zu tun wie das Anzünden einer Zigarette mit einer Brandstiftung. Die Experimente von Bandura scheinen ungeeignet, die Frage nach den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen zu beantworten.

Der Glaube, das Fernsehen mache aggressiv, hat noch einen zweiten Apostel: Leonard Berkowitz. Das Glanzstück in seinem unerschöpflichen Repertoire zwielichtiger Methoden, die wir in anderer Stelle ausführlich gewürdigt haben („Fernsehen: Aggressionsschule der Nation? Die Entlarvung eines Mythos“ von Otto Keimer und Arnd Stein, Verlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum), ist die tendenziöse Auswertung der Versuchsergebnisse, die in fast jedem seiner Experimente mit ermüdender Regelmäßigkeit wiederkehrt. Dort, wo die Ergebnisse den Erwartungen nicht entsprechen wollten, wurden kurzerhand einige Versuchspersonen, deren Reaktionen nicht ins Konzept paßten, vor die Tür gesetzt. So gelang es oft, die Versuchsergebnisse in die gewünschte Form zu zwingen. Ein weiteres pikantes Detail der sich über fast ein Jahrzehnt erstreckenden Forschungsarbeit von Berkowitz: Als Versuchspersonen wurden ausschließlich die eigenen Studenten verpflichtet, die natürlich wußten, welche Ergebnisse ihr Professor erwartete.

Doch solcherlei tragikomisches Wissenschaftsvarieté findet sich auch bei uns. Professor Heribert Heinrichs, Deutschlands mahnender Zeigefinger, der die Quellen unseres Wissens um Medienwirkungen in aller Bescheidenheit als „meine und die internationale Forschung“ zu bezeichnen liebt, übertrifft seine amerikanischen Meister bei weitem an Unbekümmertheit – soweit überhaupt feststellbar. Denn die methodischen Details seiner aparten Untersuchungen, denen er zuweilen den Kosenamen „Experiment“ gibt, werden von ihm eifersüchtig gehütet. Er wird wissen, warum.

Selbstverständlich wollte auch Heinrichs die Wirkungen brutaler und „friedlicher“ Filme gegenüberstellen. In der unbeschreiblichen Planlosigkeit einer seiner besten Untersuchungen konnte allerdings nicht einmal mit letzter Sicherheit festgestellt werden, welche Filme die von ihm untersuchten Kinder eigentlich gesehen hatten. So daß Heinrichs zwar Wirkungen beobachtet hat, ohne allerdings wissen zu können, von welchen Filmen sie überhaupt hervorgerufen wurden. Vor diesem Hintergrund gehört schon ein bemerkenswerter Mut dazu, sich von einer großen Programmzeitschrift als Autorität auf dem Gebiet der Medienforschung präsentieren zu lassen und seine wissenschaftlich getünchte Privatmeinung millionenfach unters Volk zu bringen.

Die Untersuchungen zum Thema „Gewalt im Fernsehen“ genügen nicht einmal den bescheidensten Anforderungen wissenschaftlicher Korrektheit. Manch ungeheurem Aufwand zum Trotz ist es den Medienforschern nicht gelungen, so etwas wie einen Brutalisierungseffekt des Fernsehens nachzuweisen.

Abgesehen einmal von den zahllosen absichtlichen oder unabsichtlichen Fehlern beim Planen und Durchführen von Experimenten, krankt die Aggressionsforschung hauptsächlich an einem folgenschweren Mißverständnis: an der Verdammung der Aggression als dem Prinzip des Bösen schlechthin. Man hätte aber von der Trennung zwischen „funktionaler“ und „dysfunktionaler“ Aggression ausgehen müssen, also von inhaltlich sinnvoller, von der Logik eines lebensfördernden Zwecks empfohlener Aggression einerseits und einer rein zerstörerischen Aggression andererseits. Selbst Justitia mit ihren verbundenen Augen kennt die berechtigte Aggression der Notwehr. Das Gesetz selbst ist eine Art der berechtigten Aggression, die Justiz nichts anderes als „gesellschaftliche Notwehr“. Allen ist klar: Jedes Gesellschaftssystem würde zusammenbrechen, wenn es von vornherein auf Aggression verzichtete. „Funktionale“ Aggression gibt es aber auch in einer anderen, subtileren Form: Der schöpferische Drang zum Neuen und Ungewohnten kann sich oft nur in aggressiver Weise gegen starre Konventionen oder „Sachzwänge“ durchsetzen.

Es wird jetzt deutlich: Wenn bisher von Aggression die Rede war, so meinte man fast immer die „dysfunktionale“ Aggression, das heißt jene Handlung, die nichts anderes als zerstören will. In unserem eigenen Forschungsprojekt sind wir von diesen Überlegungen ausgegangen. Die Untersuchung mit mehr als 300 jugendlichen Versuchspersonen gliederte sich in zwei Etappen. In der ersten interessierten wir uns für die unterschiedlichen Gestaltungen einer aggressiven Szene. Überraschend fanden wir, daß der vom Jugendlichen empfundene Aggressionsgehalt eines Films keinesfalls durch meßbare Größen – wie zum Beispiel die von Heinrichs entrüstet gezählten Leichen – bestimmt wird. So haben auch jene Filmversionenin denen zum einen nur die Aggressoren, zum anderen nur die Opfer sichtbar waren, den gleichen Brutalitätseindruck erweckt wie die „realistisch“ vollständige Darstellung einer Kampfszene. Entgegen der landläufigen Meinung zeigte es sich auch, daß die Attraktivität eines Films für die angeblich so unkritischen jugendlichen Zuschauer nicht im geringsten von seiner Aggressionshaltigkeit abhängt.

Positive Aggressionen

Erstaunlicher noch gestaltete sich die zweite Etappe, in der untersucht wurde, welche Wirkungen die Filme auf das tatsächlich ausgelebte Verhalten hatten. Die Resultate stehen in deutlichem Gegensatz zur herrschenden Meinung, das Fernsehen sei eine Schule destruktiven Handelns. Es ist natürlich nicht unproblematisch, im Laboratorium echte Aggressionen gegen Personen zu provozieren. Wir wählten ein Rollenspiel, sozusagen als „Wirklichkeit im Simulator“.

Die Versuchsperson wurde vom Versuchsleiter zunächst in den Vorführraum begleitet. Dort erklärte er ihr, daß die Vorbereitungen für das nun folgende Spiel noch nicht abgeschlossen seien und daß sie daher die Möglichkeit habe, in der Zwischenzeit eine Weile fernzusehen. Nach Beendigung der Fernsehdarbietung wurde der Proband in den Versuchsraum geführt. Ihm wurde erklärt, er sei seit kurzem Mitglied einer Gangsterbande. Ihm sei vom Bandenchef die Überwachung eines Entführten übertragen worden. Zum erstenmal sei er in eine Sache hineingezogen worden, in der es um Menschenleben gehe.

Durch diese Besonderheit der Instruktion wird dem Probanden deutlich gemacht, daß sein „Auftrag“ keine unabänderliche Notwendigkeit darstellt, daß er keinesfalls in die Rolle eines kompromißlos brutalen Kriminellen hineingedrängt Wird. Statt dessen wird er indirekt auf die Möglichkeit einer selbständigen Entscheidung hingewiesen, die ebenso gut auf die Befreiung des „Gefangenen“ hinauslaufen könnte. Die Verwandtschaft dieses inneren Zwiespalts mit dem Prozeß beginnender Kriminalität ist offenkundig. Dem Probanden wurde zwar nahegelegt, sich mit der Rolle des „Entführers“ zu identifizieren, wodurch all seine Handlungen, auch die brutalen, in gewissem Maße legitimiert wären. Jedoch blieb es ihm überlassen, wie massiv die Aggressionen waren, mit denen er die Verbrecherrolle ausfüllte.

Zurück zum Experiment. Die Versuchsperson wurde mit einer echt aussehenden Spielzeugpistole ausgestattet und in den Untersuchungsraum geschickt, wo der „Entführte“ (ein Mitarbeiter des Versuchsleiters) bereits seine Fesseln gelöst hatte und im Begriff war, weitere Schritte zu seiner Befreiung zu unternehmen. Auf mögliche Warnungen des „Entführers“ (das heißt der Versuchsperson) reagierte er nicht, sondern versuchte weiterhin, aus dem Raum zu entkommen. Nun entschied es sich, ob der Proband ihm die Flucht gewährte oder sie mit mehr oder weniger aggressiven Handlungen vereitelte; ob er überhaupt schoß – und wenn ja, wie: Schoß er von vornherein direkt auf den „Entführten“, oder versuchte er, ihn durch Warnschüsse einzuschüchtern? Und wenn er überhaupt nicht schoß, versuchte er dann, den „Entführten“ auf andere Weise aufzuhalten, entweder durch direkte körperliche Aggressionen oder durch „Imponiergehabe“ wie Flüche, Drohgebärden?

Das Ergebnis der Beobachtungen widerspricht den zahlreichen traditionellen Resultaten à la Berkowitz oder Bandura: Ein aggressiver Film erhöht nicht die Bereitschaft zur unberechtigten „dysfunktionalen“ Aggression gegen Personen. Man könnte einwenden, daß eine einzelne Darbietung eines noch so aggressiven Films allein nicht ausreiche, Aggressionen auszulösen. Es hat sich aber gezeigt, daß dieses Argument nicht stichhaltig ist. Denn in einer Umkehrung des Entführungsspiels, in dem der Proband diesmal die Rolle des Entführten übernahm und sich mit der Pistole gegen einen „Entführer“ wehren konnte, traten deutliche Wirkungen hervor: Ein aggressiver Film führt bei Jugendlichen zu einer intensiveren Entfaltung „funktionaler“ Aggression, zu einer erhöhten Bereitschaft, sich gegen unberechtigte Gewalt angemessen zu verteidigen.

Wie lassen sich solche Ergebnisse erklären? Es ist offensichtlich, daß das Ausleben angeregter Aggressionsimpulse von ihrer positiven oder negativen Bedeutung in einem übergreifenden Bezugsrahmen abhängt. Wird der beabsichtigte Aggressionsakt von den Erfordernissen der Situation legitimiert, so kommt die unterschwellige Tendenz an die Oberfläche und wird zu einer wirklichen Handlung. Die erhöhte Bereitschaft zur Aggression wird aber kaum oder überhaupt keine Folgen haben, wenn diese Aggression von den geltenden Normen verurteilt wird, seien sie in gesellschaftlicher Tradition gewachsen oder auch in der „künstlichen Welt“ des Experiments erst aufgebaut.

Die These, daß brutale Fernsehfilme im Zuschauer die Neigung zu zerstörerischen Handlungen wecke, ist danach nicht mehr länger haltbar. Im Gegenteil: Gewaltdarstellungen können wichtige Impulse geben. Die Gewalt ausblenden zu wollen, die Botschaft des Mediums Fernsehen bis hin zu scheinheiliger Friedfertigkeit zu kastrieren, demonstriert eine schiefe Ideologie: Gelingt es schon nicht, die wirklichen Ursachen der „Brutalisierung der modernen Welt“ in den Griff zu bekommen, so will man die kritischen Sinne mit dem künstlichen Frieden eines „geläuterten“ Bildschirms betäuben.